Mach's gut, Polly

Natürlich hätten wir uns gern persönlich von unserer Freundin verabschiedet. Wir hätten der Polly gesagt, wie sehr wir sie mögen und wie sehr wir sie vermissen werden. Es wäre traurig geworden, weil wir ja gewusst hätten, dass ein Abschied ansteht, aber so hätten wir sie noch einmal umarmen und fest an uns drücken können. All das war leider nicht mehr möglich. So haben wir versucht, all unsere Liebe und unsere Erinnerungen in eine würdige Gedenkfeier zu stecken. 

 

Viel Zeit war uns nicht geblieben, wir mussten uns sehr beeilen. Und anders als im Frühjahr beim Erik standen uns keine helfenden Hände der Flying Hoppers zur Verfügung. Das merkte man deutlich. Alles lastete notgedrungen auf wenigen Schultern. Die Vorbereitungen haben die Mädels übernommen, die Ausführungen wurden von Hopp & Ex vollzogen, allein wegen der räumlichen Nähe. Die Cora, die Luna und die Fendy waren nämlich der Meinung, dass hier unbedingt weiblicher Geschmack walten müsse, denn andernfalls liefe man Gefahr, dass die Gedenkfeier womöglich vom Wedeln deutscher Fußballfähnchen begleitet werde. Man kenne ja schließlich die Abgründe männlichen Denkens. Ich fand diese Unterstellung bodenlos unverschämt, habe mich aber wohlweislich im Hintergrund gehalten, um nicht in die Schusslinie zu geraten. 

Die Nerven lagen blank, die Telefone liefen heiß. Der Bonaparte und der Emil taten ihr Bestes, um den Befehlen gerecht zu werden, sie haben mit Anbietern verhandelt und um Sonderbedingungen gebettelt, fielen aber zwischendurch immer wieder aus, da der Kummer sie übermannte. Dass ihre geliebte Tante Polly nicht mehr da sein sollte, nein, das konnte nicht sein, das durfte nicht sein, und das will ihnen bis heute nicht in den Kopf. Dann schluchzten sie auf und der arme Jack musste übernehmen. Man konnte direkt hören, wie er zusammengesunken vor dem Smartphone hockte, während die Fendy tief Luft holte.
„Weiß?“
„Nein, rosa!“
„Aber ...“
„Hömma, du Superkaufmann, Wenn nirgends in eurem verkackten Schleswig-Holstein rosa Blüten zu bekommen sind, dann kaufst du sie eben in Nairobi und lässt sie per Express einfliegen, verstanden?!“
Zack, wurde das Telefon auf unsern Couchtisch geknallt. Ich tat gut daran, mich tief über meine Notizen zu beugen. Sie gehörten zur Gedenkrede, die zu halten ich gebeten worden war. Es mussten noch einige Informationen eingeholt werden, damit ich ein stimmiges Bild von der Polly zeichnen könnte, schließlich habe ich sie ja erst kennengelernt, als sie schon längst da war. Der Karlsson und der alte Blog vom Max waren (teilweise) ergiebige Quellen.
 
Silvester, als wir alle in SPO waren
 
Da die Mädels keinen Zentimeter ihres Veranstaltungsplanes preisgeben wollten, musste hier und da der Luke eingreifen. Seine Verbindungen (beziehungsweise seine Kohle) machten erst möglich, was in der Kürze der Zeit oder aus anderen Gründen sonst nicht geklappt hätte. Trotzdem legen wir großen Wert auf die Feststellung, dass die Gedenkfeier zum überwiegenden Teil aus unserer Reisekasse bestritten wurde. Nur den Rest hat der Luke zugeschossen. Es ist Ehrensache, dass wir gemeinsam für unsere Freundin zusammenstehen, auch finanziell. 

Als das Programm endlich stand (in letzter Minute, aber noch rechtzeitig), haben wir uns auf den Weg gemacht. Ziel war ein bestimmter Ort an der Schlei, dessen Namen ich vergessen habe. Die Schlei ist ein unordentlicher Fluss mit allerlei Beulen nordöstlich von Schleswig. Sie mündet in die Ostsee. Man hat dort viel Platz, um sich auf dem Wasser und neben dem Wasser würdevoll zu bewegen. Dass wir uns gerade dort versammeln wollten, hatte natürlich einen besonderen Grund, denn an der Schlei steht das Anwesen, auf dem die Polly geboren wurde. 
 
Aufgepasst! Wer hat's gemerkt? Das Zauberwort heißt „Anwesen“. Ha! Also doch! Die Polly kam aus bestem Hause. Und der Karlsson, dieser Angeber, hat immer behauptet, er allein sei der Gutsherr und die Polly nur so was wie eine geduldete Mitbewohnerin, Unterschicht sozusagen, nicht standesgemäß. Ich war sehr erstaunt, als ich das herausfand. Eine Erklärung vom Karlsson war aber nicht zu bekommen. „Pöh!“, hat er nur gesagt und schnell vom Thema abgelenkt. Über einen Adelstitel – Gräfin oder Edle von und zu – ist mir allerdings nichts bekannt. Auch hier zeigte sich der Karlsson unzugänglich. 
„Die Papiere liegen im Herrenzimmer. Für den Safe habe ich keinen Schlüssel.“
Ob man ihm das glauben kann? Egal, es war nicht der richtige Zeitpunkt, um ihm die Locken auf links zu drehen. Wir hatten Wichtigeres zu tun. 
 
Zur Gendenkfeier sind alle angereist. Man hat alles stehen und liegen lassen, um dabei sein zu können. Nur der Engelbert fehlte, da er Sozialstunden leisten musste wegen des Vorfalls zu Silvester, als er die Notunterkunft der Maulwürfe in Brand geschossen hatte. Und den Pferdemädels hatte man gesagt, für sie seien die Räumlichkeiten zu eng, daher sollten sie lieber zu Hause bleiben. Es ist ihnen bitter aufgestoßen, schon wieder (und aus dem gleichen Grund) ausgeschlossen zu werden. Dennoch haben sie dem Emil eine liebevolle Karte mitgegeben, die ich später dann auch vorgelesen habe. 
 
Sonst waren, wie gesagt, alle da. Die Cora und der Paule hatten bei uns übernachtet. Zusammen mit der Luna sind wir im Zug gefahren. Der Filo wollte unbedingt das Pött-Pött-Pött nehmen. Nö, das sei ja eine total blöde Idee, hat er von der Fendy und der Luna eine Absage kassiert. Mit 60 über die Landstraße juckeln wollten sie nicht, das könne er gern allein machen oder zusammen mit seinem Spezi, dem Mörßel. Und so sind die beiden weit vor uns aufgebrochen, da sie einen langen, langen Weg bis nach Schleswig-Holstein vor sich hatten. 
 
In Hamburg hat uns die Firmenlimousine abgeholt. Der Luke, der Micky Bonaparte und der Karlsson saßen schon drin. Der Jack und der Emil stießen später dazu. Unsere Kondolenzumarmungen hat der Karlsson leidlich über sich ergehen lassen. Er tat so cool und abgeklärt, aber man hat eine Träne blitzen sehen, die uns zeigte, dass der Verlust der Polly ihm doch mehr ausmacht, als er zugeben wollte. Im Rucksack hatte ich den Roosevelt und den Otis dabei. Da wir uns am späten Nachmittag trafen und die Gedenkfeier größtenteils auf den Abend verlegt war (über den Grund rede ich später), würden sie problemlos teilnehmen können. Ihnen war das sehr wichtig, schließlich kannten sie die Polly schon etliche Jahre und hatten auf gemeinsamen Partys zusammen getrunken und getanzt. Noch schliefen die beiden. Durch die Fahrgeräusche der Limousine war ihr Schnarchen kaum zu hören. 
 
Wir wurden am Ufer der Schlei abgesetzt. Dort ankerte ein festlich geschmücktes Boot. Hui! Ein wahrer Hingucker! Also dafür wurden unbedingt die rosa Blüten benötigt. Es duftete süß in der trägen Luft der einsetzenden Abenddämmerung. Auf dem Fluss war nicht mehr allzu viel los, und sicherlich war das ein Grund, warum die Anspannung endlich abfiel. Sobald die Fendy das Boot gesehen und sich vergewissert hatte, dass alles wie gewünscht ausfiel, atmete sie sichtlich auf. Auch die Luna und die Cora wurden augenblicklich gesprächig, so als hätte man einen Schalter umgelegt. Der Druck hat sehr auf ihnen gelastet. Nun mussten nur noch ein paar Utensilien aufs Boot gebracht werden, dann konnte es losgehen. Wir würden also eine Flussfahrt unternehmen und dabei sollten uns lediglich ein paar Flaschen Sekt begleiten (mit und ohne Alkohol) zum Anstoßen, nicht zum Saufen. Der Karlsson, der Paule und der Jack haben mit angepackt.  
 
 
Mit dem Tablett und den Leberwurstbällchen hatte es natürlich ebenfalls seine Bewandtnis. Doch davon später mehr. Jetzt rief die Kapitänin, die wir mitgebucht hatten, zum Einsteigen. Die Gangway war schon eingezogen, als jemand schrie:
„Halt! Der Filo fehlt doch noch! Und der Mörßel!“
Ja, richtig, wo waren sie abgeblieben? Eigentlich hätten sie längst da sein sollen. Früh genug aufgebrochen waren sie ja, und der Mörßel kann eigentlich recht gut Straßenkarten lesen. Dumm nur, dass wir sie nicht erreichen konnten, da der Filo den Rat von meiner Geburtstagsfete befolgt und das Smartphones zu Hause gelassen hatte, genau wie der Mörßel. Die Fendy wurde nervös. Was sollten wir tun? Warten und das Programm durcheinanderbringen? 
„Nö, wir fahren los“, hat die Luna entschieden. 
Dass sie zum Filo (soviel ich weiß) keinerlei Liebesbeziehung unterhält, mag ihren Sinn für pragmatische Lösungen befeuert haben.
 
Langsam setzte sich unser Blütendampfer in Bewegung. Den Motor hörte man kaum. Wir glitten das silbrig glänzende Wasser entlang. Am Ufer zog gemächlich Landschaft vorbei, in der Mehrzahl  Laubbäume. Andere Boote begegneten uns nur selten, so dass unsere Kontemplation nicht gestört wurde. In der Mitte des Bootes hatten wir einen Tisch aufstellen lassen. Darauf stand ein Foto, das die Polly zeigte. Niemand sollte davon abgelenkt werden, dass sie es war, weswegen wir hier zusammengefunden hatten. Nach einer schicklichen Pause habe ich mich auf den Tisch gestellt und um Aufmerksamkeit gebeten. 
 
Damit war die Fendy gemeint, weil sie, seit wir abgelegt hatten, auf der Reling stand und angestrengt ins Ufergrün glotzte. Um besser sehen zu können, hielt sie einen Flügel über die Augen.
„Die werden sich schon nicht zu Hänsel und Gretel verlaufen haben“, hat die Cora getröstet.  
„Genau! Das sind doch Männer“, hat der Luke hinzugefügt. 
Sichtlich angegriffen hat die Fendy ihren Aussichtsplatz schließlich verlassen und hat sich zu uns gesellt. Sie saß neben dem Roosevelt und dem Otis, die inzwischen munter geworden waren. Ich konnte meine Gedenkrede beginnen.  
 

Was habe ich alles über die Polly erzählt? Ach, so viele Worte habe ich gesprochen und dennoch waren es nicht genug, um den Schmerz zu beschreiben, den ich empfinde, weil die Polly nicht mehr bei uns ist. Sie war ein liebes Wesen mit einem freundlichen Gemüt, zurückhaltend, gebildet, interessiert, sozial und nie neben der Spur. Wenn ich es recht überlege, hatte sie immer etwas leicht Aristokratisches an sich (jetzt wissen wir, warum). Nie war sie enthemmt oder in Gefahr, die Grenzen des Schicklichen zu übertreten. Trotzdem konnte sie ordentlich zulangen, wenn es darauf ankam. Beim Max auf dem Blog habe ich gelesen, wie sie zusammen mit der Amy die Angreifer im nächtlichen Central Park in die Flucht geschlagen hat, um ihre Freunde zu schützen. Das war mutig. Dabei kam der Polly sehr zugute, dass sie ungemein schnell rennen konnte. Sogar Haken schlagen wie ein Hase konnte sie. Und wenn sie es gewollt hätte, wäre so mancher Hase dabei gestellt worden. Irish Terrier beherrschen das. Nur habe ich dieses Detail wohlweislich bei meiner Rede ausgelassen, weil wir ja Kaninchen dabei hatten und ich nicht Unwohlsein riskieren wollte. Alle hörten mir gerade so aufmerksam zu (außer der Fendy), an dem wollte ich festhalten. 
 
Wo waren wir stehengeblieben? Ach ja, bei der Beschreibung der Polly. Früher ist sie gern verreist, hat Städtereisen unternommen, manchmal mit der Amy, und recht nobel wurde dabei abgestiegen. Später hat sich das Interesse ein wenig verschoben. Die Polly ist beständiger geworden, war zu Hause recht zufrieden, hätte aber gern einen Mann und eine Familie gehabt. Darüber habe ich ebenfalls auf dem Blog vom Max gelesen. In Australien hat der Karlsson sie an einen Dingo verheiraten wollen. Leider hat es aber nicht gepasst, weil der Kerl ihr zu prollig war. Ihm fehlte die nötige Bildung. Da war die Polly eisern. Sich unterm Wert zu verkaufen, darauf hätte sie sich niemals eingelassen. Man bedenke: Sie war von edler Herkunft und hatte es weit gebracht. In der Wissenschaft benutzt man noch heute Begriffe, die auf sie zurückgehen. Ich weiß, es ist kaum bekannt, aber unsere Polly ist Namensgeberin von „Polyester“, von „Polyvinylidenfluorid“ und von „Polynesien“. Im Laufe der Zeit ist lediglich das zweite L abhanden gekommen. 
 
Hier ging ein Raunen durchs Publikum. Man schaute sich gegenseitig an. Ja, staunt nur, ihr lieben Leute. In unserer Freundin steckte mehr, als zu vermuten war. 
„Und nun Ruhe bitte, ich hätte gern weitergemacht.“
 
Da es leider auch daheim nicht geklappt hat mit einem Partner, hat die Polly ihre Liebe bekanntlich anderweitig verschenkt. Der Micky Bonaparte und der Emil wurden ihre Schützlinge. Mit unendlicher Geduld, aber auch dem nötigen Tadel, falls erforderlich, ging sie mit ihnen auf den Rummelplatz, in den Zoo und ins Museum, hat sie mit Pizza auf die Faust und Schmalzkuchen verwöhnt und hat ihnen Geschichten vorgelesen (erst Rotkäppchen, dann Tolstois „Krieg und Frieden“). Sie war immer zur Stelle, um zu erklären, zu raten, zu trösten, zu ermuntern und die Jungs zum Lachen zu bringen. Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass es zu einem deutlichen Teil der Polly zu verdanken ist, dass beide auf dem rechten Pfad geblieben und nun zu hoffnungsfrohen Rüden herangewachsen sind. Das innige Verhältnis hat bis zum Ende gehalten. Alle drei standen sich sehr nah. 
 

Ein schluchzendes Stöhnen unterbrach an dieser Stelle meine Rede. Oder war es ein stöhnendes Schluchzen? Papierservietten wurden von Pfote zu Kralle gereicht, bis sie beim Adressaten angelangt waren. Darauf schnaubte der Emil einmal so kräftig aus, dass die Kapitänin den Kopf aus ihrer Kabine steckte, um zu sehen, ob etwas explodiert sei. Der Micky Bonaparte starrte nur stumm mit glasigen Augen vor sich hin. Seine Nase zitterte, sonst blieb alles ruhig.
 
Doch nicht nur für den Nachwuchs fühlte sich die Polly verantwortlich, sondern auch ihre Aufgaben in ihrer Menschenfamilie hat sie ernst genommen und gewissenhaft erfüllt. Sie wusste, was man von ihr erwartetet: Bespaßung, Bewegungsanreize und Erfolgserlebnisse. Regelmäßig hat sie ihre Leute in den Wald geführt, ist stundenlang mit ihnen am Strand spazieren gegangen und hat deren Dummys eingesammelt, die mit Leckerlis gefüllt waren und die im Gestrüpp gefunden werden sollten. Alles leichte Tätigkeiten für die Polly. Mama und Papa haben sich gefreut. Also hat sie bei allem bereitwillig mitgemacht und letztlich auf diese Weise dazu beigetragen, dass ihre Menschen körperlich fit blieben und sich geliebt fühlten. Ja, so war sie, unsere Freundin, so lieb, so unendlich lieb. 
 
Dass ausgerechnet solche Geschöpfe schwer vom Schicksal getroffen werden, ist nicht fair. Drei Jahre lang hat der Tumor gewütet und die Polly hat sich ihm tapfer entgegengestellt. Auch wenn sie letztendlich den Kampf verloren hat, hat sie drei Jahre lang die Schlachten gewonnen. Sie lebte, der Tumor musste schweigen – und wir waren sehr froh darüber. Wir wussten, dass alles fragil war, denn wir sahen ja die Kühlboxen mit den Leberwursttabletten und dass die Polly nicht mehr alles so gut schaffte wie früher, aber vielleicht waren wir gerade deshalb besonders dankbar, dass wir wenigstens ab und zu die Polly bei uns haben durften. Wir verneigen uns vor ihrem Leben. Dieses Leben hat Freude und Liebe geschenkt. Wir werden uns immer daran erinnern. 
 
Ach, ich hätte noch so viel hinzufügen können, aber letztlich hat ja jeder seine eigenen Gedanken dazu. Und das ist gut so. 
 
Die Dämmerung hatte inzwischen an Intensität zugelegt. Es war deutlich schummeriger geworden. Der Paule und der Karlssons fingen an, die Sektgläser zu füllen. Nun sollte ein gepflegter Toast auf die Polly folgen. Die Gläser waren fast verteilt, als ein unschönes Geräusch das festliche Ambiente störte. Es hörte sich an, als würde jemand herüberschreien. Ist es zu fassen? Wir waren höchst privat unterwegs. Da blökt man doch nicht einfach in die schöne Stimmung hinein. Der Luke ist nachsehen gegangen. Dort drüben zwischen den Bäume stehe was Komisches, hat er gemeldet. Es sehe länglich aus mit einem großen dünnen M auf dem Kopf, daneben etwas leicht Bauchiges mit einem sehr dünnen Hals. 
Was?
Dann ein Aufschrei. Die Fendy konnte sich gar nicht mehr einkriegen.
„Das ist der Mörßel! Das ist der Filo!“
Tatsächlich, jetzt sah ich es auch. Sie fuchtelten wild mit den Armen und den Flügeln und brüllten noch lauter. Würde man hier anlegen können? Nein, sagte die Kapitänin, keine Chance, man könne das sperrige Boot nicht seitlich einparken. Aber wenigstens langsamer gefahren ist sie jetzt. Wir standen alle an der Reling und suchten fieberhaft nach einer Lösung. Am Ufer liefen die beiden mit, so gut es die Bäume und die Büsche zuließen. Der Mörßel würde zu uns rüberschwimmen können, das stand fest, doch wie kriegten wir das Kaninchen an Bord? Unseres Wissens hatte es bislang nicht zum Seepferdchen gereicht. Oh Mann, rasch, wir mussten handeln. Wie lange würden wir den Filo im Dunkeln noch sehen können?
 
Für ausgeklügelte Ingenieurstechnik blieb keine Zeit. Wir griffen nach dem Sektkarton, drückten dort den Karton hinein, in dem die Sektgläser verstaut gewesen waren, damit es nicht so schnell durchweichte, knoteten die Paketkordel aus Coras Handtasche an das Gefährt (danke, Gott, dass sie immer alles dabei hat), warfen alles über die Reling und riefen dem Mörßel zu, er solle sich sofort auf den Weg machen. Augenblicklich ließ er sich zu Wasser, ergriff mit dem Schnabel die Kordel und paddelte zum Ufer zurück. Wir konnten beobachten, wie der Filo vorsichtig einstieg. Es schaukelte mächtig. Gott sei Dank war es nicht weit bis zu uns, denn der Mörßel hatte ordentlich zu ziehen. Ihm glubschten vor Anstrengung die Augen raus, als er seine Fracht an der Bootswand ablieferte. Länger hätte es auch nicht dauern dürfen, denn der Filo saß schon mächtig tief im Karton und hatte einen feuchten Hintern. Aber es ist alles gutgegangen. Der Bonaparte hat sich an der Einstiegsluke lang gemacht und die beiden mit den Vorderpfoten aus dem Wasser gefischt, während der Jack und der Karlsson die Hinterbeine festhielten. 
 
Die Freude war groß, besonders bei der Fendy. Ihrem Liebsten ist sie mit Schmackes an den Hals gehopst. Wir andern wollten wissen, wie es zu diesem Zwischenfall kommen konnte. Nun, sie hatten unsern Ausgangsort am Bootsanleger durchaus störungsfrei erreicht, allerdings leider zu spät. Wir waren bereits weg. Nun hieß es improvisieren. Bei diversen Einheimischen in Kiosken, Gasthäusern und Touristenläden habe man sich nach dem Verlauf der Schlei erkundigt. Die Antworten hätten alle darauf hingedeutet, dass man sich nördlich orientieren sollte. Daraufhin sei das Pött-Pött-Pött am Anleger abgestellt worden und man habe ein Taxi genommen, womit beide in die Nähe des Ufers gelangt seien, wo man lange gesessen und gewartet habe, bis wir endlich vorbeigejuckelt kamen. 
„Ich dachte schon, wir müsste dort übernachten“, hat der Filo geseufzt. 
Na, dann ist ja alles gutgegangen. Wir waren nun vollzählig und konnten zum Programm zurückkehren. Wir haben den Faden nahtlos wieder aufgenommen.  
 
In den Sektgläsern sprudelte es noch leicht. Jeder nahm sich ein Glas. Wir versammelten uns vor dem Gedenktisch. Alle prosteten stumm Pollys Fotos zu. Anschließend folgte eine Gedenkminute. Es war ein ergreifender Moment. Die Cora hat Fotos gemacht.
 
Hier der Luke mit der Luna ...
 

 ... hier der Filo, der Mörßel und der Micky Bonaparte, der sich gar nicht losreißen konnte von dem Bild und es am liebsten mitgenommen hätte:
 
 
Aber wir waren ja noch immer nicht durch mit unserem Programm. Weitere Standfestigkeit war gefordert. Alles steuerte auf den Höhepunkt zu, nämlich auf die feierliche Verabschiedung der Leberwurstbällchen. Es war nicht nur symbolisch gemeint, sondern die Dinger sollten tatsächlich verschwinden als Zeichen dafür, dass die Tabletten ausgedient hatten, weil die Polly keine Medizin mehr brauchte und nun frei war. Dazu hatte der Karlsson daheim alle Leberwurstbällchen zusammengesucht, die noch irgendwo im Kühlschrank lagerten. Natürlich waren die eingearbeiteten Tabletten anschließend entfernt worden, damit niemand Unbeteiligtes zu schaden käme. Von der Fendy wurde jetzt noch schnell eine Blumengirlande um das Tablett drapiert. Dann stellten der Jack und der Filo das Tablett aufs Wasser. Wir beobachteten, wie es neben unserm Boot leicht vor sich hinschaukelte. Erstaunlicherweise blieb die Pyramide stabil. Nichts verrutschte, vermutlich weil die Leberwurst wie ein Kleber wirkte. 
 
 
Nun wird auch klar, warum wir uns ausgerechnet für eine abendliche Bootsfahrt entschieden hatten. Wir wollten vermeiden, dass Segelboote oder andere touristisch ausgelassene Aktivitäten den Ernst unserer Absichten durchkreuzen könnten. Jetzt um diese späte Uhrzeit war niemand mehr unterwegs. Wir hatten den ganzen Fluss für uns allein. Da wir uns außerdem in nicht allzu weiter Entfernung der Ostsee befanden, hätte es durchaus passieren können, dass sich Nachrichten so schnell verbreitet hätten, dass sich womöglich ganze Schwärme kreischender Möwen auf unser Tablett gestürzt hätten, noch ehe es richtig in Fahrt gekommen wäre. Das hätten wir als pietätlos empfunden. So aber schauten wir noch lange den Leberwurstbällchen nach, die immer weiter hinter unserem Boot zurückblieben, bis das Tablett nur noch ein kleiner Punkt war und schließlich ganz verschwand.
 
Damit war unsere Mission auf der Schlei erfüllt. Doch als Abschluss war noch ein kleines, aber fröhliches Beisammensein geplant, allerdings nicht an Bord, sondern irgendwo am Ufer. Nach Beerdigungen macht man es ja auch so, dass man noch ein Weilchen beisammensitzt. Mir kam das sehr gelegen, denn ich bekam allmählich Hunger. Stundenlang waren wir hier schon herumgeschippert in feierlicher Stille und hatten nichts zu uns genommen als den Sekt beim Toast auf die Polly. Auch jemand anderem knurrte der Magen, das konnte man deutlich hören. Und ich muss es leider so undankbar formulieren: Diese Blüten waren die Pest. Ihr Geruch machte mich ganz dusselig im Kopf. Ich benötigte dringend frische Luft.
 
Inzwischen war die Sonne untergegangen. Es war dunkel. Ich stand mit der Cora, dem Luke und dem Paule an der Reling und schaute zu, wie wir langsam an den Schatten der Bäume am Ufer vorbeizogen wie an einer gespenstischen Armee, die sich dort aufgestellt hatte, um uns zu beobachten. Ich hielt Ausschau nach dem Anlageplatz, wo wir an Land gehen würden. Der Mond spendete ein wenig Licht. Irgendwann bemerkte ich eine Stelle, die dafür in Frage kam. Die Cora bestätigte, dass laut Zeitplan meine Einschätzung zutreffen könne. Aber komisch, es sah so aus, als ob dort etwas säße. Es bewegte sich nicht. Als wir näherkamen, bemerkte ich, dass es sich um einen Hund handelte. Und als wir noch näher herangekommen waren, zeigte sich, dass der Hund lange Ohrlappen besaß, die ihm bis zur Schulter hinabhingen. Die Cora drehte sich um und rief leise nach hinten, dass der Karlsson mal eben schnell herkommen solle. Der Karlsson kam. Er schaute. Eine Sekunde. Zwei Sekunden. Drei Sekunden. Dann zerriss ein spitzer Schrei die friedliche Kulisse:
„JOAN!“
Wie … Joan? Die einzige Joan, die ich kannte, war die Judith aus Detroit. Aber das konnte ja nicht sein. Was sollte sie hier in der nächtlichen Einöde verloren haben? Blödsinn. Absoluter Schwachsinn. Die Gedanken spielten dem Karlsson einen üblen Streich. 
 
 
Tatsächlich steuerte unser Boot den Anlegeplatz an. Die Gangway wurde runtergeklappt. Der Karlsson stürmte von Bord. Jaulend und fiepend fiel er dem Cocker Spaniel um den Hals. Wir andern standen stumm am Ufer und schauten fasziniert zu. Wir merkten nicht, dass hinter uns das Boot bereits wieder abgelegt hatte. Wir waren nun allein in der dunklen Wildnis. 
 
Als sich das Liebespaar endlich voneinander gelöst hatte, ging die Julie auf die Luna zu und umarmte sie fest. Bestimmt hatte das was mit später Kondolenz wegen dem Erik zu tun. Neben mir nickte die Fendy gerührt. Wir andern wurden mit einem knappen, aber freundlichen „Hallo! Da seid ihr ja!“ begrüßt.
Dem Paule brannte eine Frage auf der Zunge:
„Wie um alles in der Welt kommst du hier her?“, wollte er wissen.
Aber es folgte keine Antwort. Erfolgreiche amerikanische Geschäftsfrauen haben es offenbar nicht nötig, ihre Geheimnisse preiszugeben.
„Bist du wegen dem Karlsson gekommen?“, hat die Luna einen neuen Vorstoß gewagt.
Diesmal kam eine Antwort.
„Nein. Ich will mich von der Polly verabschieden – und dem Karlsson in diesen schweren Stunden beistehen.“
Oh, wie lieb. Die Anreise war ja schließlich nicht von schlechten Eltern gewesen.
 
In unserer Gruppe befanden sich drei, die die Jennifer noch nicht persönlich kennengelernt hatten. Auch wenn man in der Nacht an einem fremden Ufer steht, weiß man, was sich gehört. Ich stellte die drei vor. Es waren der Filo, der Roosevelt und der Otis.
„Tach!“, hat der Filo gesagt. „Neiß tu miet ju.“
Die Matschfalter meinten, sie kämen gebürtig ebenfalls aus den USA, sie würden aber schon lange in Deutschland leben. Ich hatte nicht den Eindruck, dass dies bei unserem Gast besonderes Interesse auslöste. 
 
Ich gebe es ungern zu, aber manchmal können der Roosevelt und der Otis durchaus nützlich sein. Da wir zu unserm Feierplatz noch ein wenig am Wasser entlang laufen mussten, aber kaum etwas sahen in der Dunkelheit, flogen sie voraus und zeigten uns den Weg. Zwar konnte man von weitem ganz leise Tanzmusik hören, doch erst nachdem wir einen kleinen Wald durchschritten hatten, blitzten einzelne Lichter zwischen den dicken Baumstämmen hervor und verhießen, dass wir bald unser Ziel erreicht hätten.
 
Oh, wow! Ich konnte es gar nicht glauben, als sich die Pracht in voller Größe vor uns entfaltetete. Es war einfach großartig. Was der Partyservice hier gezaubert, was die Mädels geplant und Hopp & Ex in Auftrag gegeben hatte, das verschlug mir die Sprache. Mitten auf einer kleinen Lichtung war ein Büfett aufgebaut, hübsche Lichterketten und Windlichter machten alles sehr heimelig und die vielen Sitzkissen, die auf dem Boden ausgelegt waren, luden zum Hinlümmeln ein.  
 

Ich verstehe ja nicht viel von Schifffahrt, aber so viel habe ich mitgekriegt: Am Ufer darf man längst nicht alles, was woanders erlaubt ist, vor allem kein Licht benutzen, das eine Bedeutung haben und vorbeifahrende Fahrzeuge irritieren könnte. Blau ist eine Farbe, die, glaube ich, nicht darunter fällt. Sogar daran hatten die Mädels gedacht. Perfekt. Ich war sehr stolz auf die Luna, die Cora und die Fendy. Sie hatten sich selbst übertroffen. 
 
Eigentlich hätte jetzt einer gepflegten Party nichts entgegengestanden – eigentlich. Doch leider sollte es anders kommen. Es fing unmerklich an. Erst hörte man vereinzeltes Summen, dann wurde es immer lauter und jeder von uns kloppte schließlich wie wild mit den Flügeln oder Armen um sich: MÜCKEN. Ganze Schwärme attackierten uns. Wo kamen die her? Auf dem Boot hatten wir doch keine gehabt. Warum jetzt und hier? Mir kam ein Verdacht. Sollten die miefenden Blüten uns die ganze Zeit das Kroppzeug ferngehalten haben? 
„Gut möglich“, rief der Emil und schaute sich nach einem Versteck um.
Er mit seinem kurzen Fell hatte es schwerer als zum Beispiel der Micky Bonaparte, den seine langen Flusen besser schützen. 
 
Ich mache es kurz: Unsere Party endete, noch ehe sie offiziell begonnen hatte, und zwar in dem kleinen Zelt, das nebenan aufgebaut worden war, damit wir später darin übernachten könnten. Jeder schaufelte sich schnell einen Teller vom Büfett zusammen, schnappte sich ein Getränk und rettet sich ins Zelt. Dort war es gemütlich, viele Decken machten das Sitzen und Liegen angenehm, ein Windlicht spendete Orientierung und vor allem Dingen belästigten uns dort (fast) keine Mücken. Die Enge nahmen wir dafür gern in Kauf. Zwar war es zweifellos anders geplant, aber wir machten das Beste daraus. Wir aßen und tranken, lachten, erzählten von unseren Reisen oder anderen Dingen und natürlich erinnerten wir an die Polly. Ich habe darüber nachgedacht, ob ihr unsere Verabschiedung gefallen hätte. Wäre ihr ein bisschen mehr Ausgelassenheit lieber gewesen? Waren wir insgesamt doch zu formell? Ich weiß es nicht. Über diesen Gedanken bin ich eingeschlafen. Ich habe nicht mehr mitgekriegt, wer draußen die Windlichter gelöscht und die Lichterketten ausgeschaltet hat. 
 
 
Am nächsten Morgen sollte uns die Limousine abholen. Dazu würden wir ein Stück durch den Wald gehen müssen, bis wir zur Straße kämen. Der Filo und der Mörßel würden am Pött-Pött-Pött abgesetzt werden und wir andern entweder in Hamburg am Bahnhof oder direkt zu Hause. Selbstverständlich nahm der Karlsson seine Liebste mit auf sein Anwesen. Als der Jack früh morgens aus dem Zelt gekrochen war, fand er einen Zettel auf dem Boden liegen. Den hatte am Abend niemand bemerkt. Da er mit einem kleinen Stein beschwert war, konnte man davon ausgehen, dass er absichtlich dort hingelegt worden war, und zwar während wir schliefen. Auf dem Zettel stand in krakeliger Schrift: „Vielen herzlichen Dank für die großzügige Spende. Die aromatischen Klößchen waren sehr lecker.“ Wir wissen nicht, wer die Nachricht geschrieben hat. Letztlich ist es auch egal. Jemand hat sich gefreut. Die Leberwurstbällchen sind weg. Es ist endgültig vorbei. Die Polly hat ihre Freiheit zurück, für immer.
 
Fotos: KI-generiert von Chatgpt nach Originalfotos von Polly und Karlsson (© Terrierhausen), Cora und Paule (© G. H.), Micky, Luke, Jack und Emil (© Club der glücklichen Vierbeiner), Luna und Filo (© K. R.).
 
© Boff  

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Meine Freunde und Kumpels (und ich)

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