Party!
Am 16. April hatte ich Geburtstag. Die Dachtauben haben für mich eine superschöne Fünf auf den Rasen im Garten gekleckert. Die Fünf konnte ich gut sehen vom Balkon aus. Das war rührend. Ich musste mir ein paar Tränen in den Flügel wischen.
Der Beginn sollte um 18.00 Uhr sein. Natürlich war ich schon vorher dort, um mit der Fendy und dem Mörßel das Büfett entgegenzunehmen und letzte Korrekturen umzusetzen, falls nötig. Als es klingelte, dachte ich, es wäre der Catering-Dienst, der mit dem Aufbau beginnen wollte, aber nein, es stand ein unbekanntes Kaninchen vor der Tür mit einer riesigen Köttel-Torte in den Pfoten. Bei mir im Hirn ratterte es: Hatte ich so eine Torte bestellt? Aber ehe ich zu einem Ergebnis kam, begann das Kaninchen zu sprechen:
„Hallo, ich bin Filo. Ich bringe schon mal die Torte von der Luna. Die magst du doch so gern. Alles Gute zum Geburtstag.“
Ja, stimmt! Das war der Filo, unser neuer Freund und Kumpel aus Celle, der neue CEO von Push! und Öhry-Möhry. Wie hatte mir das durch die Lappen gehen können?! Wir kannten uns zwar noch nicht persönlich, aber Fotos von ihm waren mir durchaus schon untergekommen. Außerdem stand im Hintergrund das gelbe Pött-Pött-Pött vom Erik. Spätestens da hätte es klingeln müssen.
„Bist du mit dem gekommen?“, habe ich mich erkundigt.
„Ja“, hat der Filo gesagt. „Den Führerschein habe ich vorige Woche bestanden. Ich darf jetzt Hasenklasse fahren.“
Toll! Herzlichen Glückwunsch.
Einen Stein im Brett wusste er sich schon mal zu sichern, indem er sich bereit erklärte, mit dem Pött-Pött-Pött zum Bahnhof zu fahren, um die Duisburger abzuholen. Ich wusste gar nicht, dass so ein schlichtes Gefährt mit einem Navi ausgestattet ist. Damit man sich nicht verpasste, hatte ich ihm eine detaillierte Personenbeschreibung mitgegeben. Derweil hielt die Firmenlimousine von Hopp & Ex auf dem Parkplatz. Sie brachte den Luke, den Micky Bonaparte, den Jack, den Emil, den Karlsson und die Polly. Die Luna war mit der S-Bahn gekommen und bald darauf kehrte auch der Filo mit der Cora, dem Paule und dem Engelbert zurück. Nun waren wir vollzählig. Dass der Roosevelt und der Otis fehlten, hatte seinen Grund. Sie waren auf Kegelnacht im Landkreis bei den Waldfledermäusen. Daher waren sie verhindert. Ich kam über den Verlust hinweg.
Mir zu Ehren hat die Cora zwischendurch Gruppenfotos gemacht, immer mit mir und jeweils zwei anderen zusammen. Sie meinte, wir sollten sie zu Anfang schießen, bevor später alle besoffen wären und dumm aus der Wäsche schauten. Das gäbe dann keine schönen Erinnerungsfotos ab. Es sind naturgemäß etliche Aufnahmen geworden, nachdem alle erdenklichen Kombinationen durchgespielt waren, aber ich zeige sie euch hier nicht alle, damit es nicht langweilig wird. Hier nur zwei Beispiele:
Ich mit der Luna und dem Paule …
Meine ersten Kunden waren voll des Lobes über den fruchtigen Geschmack und den süffigen Abgang. Sehen die Gläser nicht fantastisch aus?
Die Polly hielt sich lieber an alkoholfreies Bier. Wahrscheinlich passte es besser zu den Leberwurstpillen, die sie ja immer nehmen muss. Sie hat sich lange mit dem Mörßel unterhalten. Worüber weiß ich nicht genau, wahrscheinlich über Seerosen, schottische Tweed-Mützen und Algensalat, weil das die Sprachfetzen waren, die ich auf dem Weg zum Klo aufgeschnappt habe. Im Hintergrund dudelten alte Schlager aus den 60er Jahren. Sie stammten aus dem Fundus des Gemeindehauses.
Seit die Fendy anlässlich Eriks Gedenkfeier die Luna mit ihren Wellnesspackungen malträtiert hatte, sind sich beide noch näher gekommen. Ich will nicht behaupten, dass die Luna nun eine Insta-Queen mit Faible für Haarpackungen geworden wäre (Gott bewahre!), aber seitdem fällt es ihr leichter, berufliche Belange hinter sich zu lassen und in der Freizeit anzukommen. Sie ist ein wenig weicher geworden, nachdem der Verlust vom Erik ihr sehr zugesetzt hatte. Traurig ist sie noch immer, aber auch der Filo soll seine Gelegenheiten bekommen. Er kann schließlich nichts dafür. Also bemüht sich die Luna aktiv darum, der Fröhlichkeit eine Chance zu geben. Meine Cocktail-Kreation „Hoppel-Galoppel“ mit Möhren- und Granatapfelsaft und Gin hat ihr sehr zugesagt. Zwischendurch konnte man sie immer wieder hell aufgackern hören. Die Cora drehte sich dann jedes Mal zu ihr um und nickte zufrieden. Ja, wir waren auf einem guten Weg mit ihr.
Um zehn Uhr, als uns der erste Fusel in den Kopf gestiegen war, aber noch niemand unterm Tisch lag, ging plötzlich das Licht aus. Dann ging es wieder an und der Micky Bonaparte und der Jack trugen eine riesige, bunte Torte herein. Oben drauf steckte eine Fünf. Alles rief „Ah!“ und „Oh!“. Die Musik wurde leiser gestellt. Die Gespräche verstummten. Alles guckte, was jetzt käme. Ich musste nach vorne kommen und mich neben die Torte auf den Tisch stellen. Die andern versammelten sich im Halbkreis um mich herum. Die Cora als unsere älteste Freundin erhob die Stimme. Sie gratuliere mir im Namen aller und dankte mir für die Einladung. Anschließend fuchtelte der Micky Bonaparte mit einem Schaschlikspieß herum. Ich dachte erst, was hat er denn, als ich kapierte, dass er den Takt vorgab, denn kurz darauf begann alles, „Happy birthday“ zu singen. Der Micky kennt sich ja jetzt gut aus in der Chorarbeit durch seine Firmentätigkeit als Jugendleiter für Musik und Sport. Trotzdem hat irgendwer ziemlich schräg gesungen. Ich glaube, es war jemand, dessen Name mit K anfängt, sicher bin ich mir aber nicht.
Die Torte – übrigens ein Gemeinschaftsgeschenk aller – hat die Polly angeschnitten. Jeder kriegte einen Teller. Wir haben gewartet, bis alle versorgt waren, dann haben wir gemeinsam den ersten Bissen in Gedenken an den Erik getan. Er war der Letzte von uns, den wir verabschieden mussten. Die Musik hatten wir dafür abgestellt. Ich musste ein bisschen schlucken, weil es so traurig war. Andererseits gehört ja alles zusammen, das Leben, der Schmerz und die Freude, und alles hat seinen Platz und seine Zeit. Es war okay, wenn ich es genoss, dass meine Freunde mit mir feierten. Wir stellten die Musik wieder an, schnatterten durcheinander und aßen, bis die Teller leer waren. Die Überraschung war ihnen gelungen; mit diesem Intermezzo hatte ich absolut nicht gerechnet. Vom Karlsson erfuhr ich später, dass die Torte die ganze Fahrt vom Anwesen in Schleswig-Holstein bis Hannover zwischen dem Jack und der Polly auf dem Rücksitz gestanden hatte und festgehalten werden musste, damit sie nicht rutschte oder sogar umkippte. Oh je, das muss anstrengend gewesen sein.
Bald machte ich mich wieder an meinen Shaker. Meine Arbeit war gefragter denn je. Ich kam gar nicht schnell genug nach, so oft wurden die Cocktails jetzt geordert. Die Cora stand gefühlt jedes Mal mit in der Schlange.
Später haben wir die Reise nach Jerusalem gespielt. Der Filo, der junge Hüpfer, kannte das Spiel noch gar nicht. Der Emil hat es ihm erklärt. Da wir einige zarte Geschöpfe unter uns hatten, die nie rechtzeitig auf einen Stuhl gekommen wären (mich eingeschlossen), haben wir stattdessen Kissen auf der Tanzfläche ausgelegt. Der Luke hat den Schiedsrichter gemacht. Mit dem Rücken zur Tanzfläche stand er an der Musikanlage und hat am Knopf gedreht, sobald er meinte, dass es Zeit wäre.
Prompt hat sich alles auf die Kissen geschmissen. Die Fendy klagt noch heute über schmerzende Füße und mir hat irgendein Hund seinen Schwanz durchs Gesicht gefegt, so dass ich daneben geplumpst bin. Zum Schluss blieben noch der Mörßel, der Paule und die Polly übrig.
Es war sehr spannend, besonders weil ich nie gedacht hätte, dass sich der Teichheini mit seinen ausladenden Flatschen so gut halten könnte. Schnell ist schließlich was anderes. Beim Paule hatte ich den Verdacht, dass er Konkurrenten heimlich mit seinen Krallen wegpiekst. Neben ihm juchzte nämlich alles verräterisch auf. Daher hätte ich der Polly den Sieg gegönnt, doch sie wurde nur Zweite. Der Paule hat tatsächlich gewonnen. Aus der Anlage dröhnte jetzt „We are the champions“ (vom Luke ausgesucht) und der Paule fächerte seine Flügel auf, als würde er Ovationen entgegennehmen oder einen Segen erteilen. Dabei hat ihn niemand weiter beachtet. Alle waren längst wieder bei ihren Drinks oder am Büfett oder haben sich mit ihren Nachbarn unterhalten.
Anschließend wurden die Bremer Stadtmusikanten nachgebaut. Keine Ahnung, wer auf die Idee gekommen war. Ich gebe meinen leckeren Cocktails eine Mitschuld. Das Erdgeschoss und die erste Etage konnten dank natürlicher Gelenkigkeit rasch errichtet werden, doch dann musste sich der zweite Stock im Bergsteigen üben. Schwimmflossen klatschten über Augen und Ohren und von hinten wurde nachgeschoben (vom Bonaparte), bis es oben nicht mehr übermäßig wackelte. Den Abschluss erledigte die Fendy mit einer eleganten Punktlandung aus der Luft. Erstaunlicherweise hielt die Formation, zumindest so lange, bis die Cora schnell ein Foto machen konnte.
„Denk dir nichts dabei“, hat der Micky ihm zugeflüstert. „Morgen sind wir alle wieder normal.“
Dem war nichts hinzuzufügen. Wenn wir feiern, sind wir immer besonders authentisch.
Kurz vor Mitternacht machten die Ersten schlapp. Die Höhlen unter den Büfetttischen wurden zur Ruhezone. Nach und nach wurde es immer voller. Wir kuschelten uns in die ausgelegten Decken und dösten vor uns hin. Irgendwann lief keine Musik mehr, niemand redete mehr und nur noch Schnarchen und Seufzen war zu hören.
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| Fendy und ihr Teichheini |
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| Micky Bonaparte, Emil, Cora, Engelbert |
Als Erstes am nächsten Morgen erkundigte ich mich beim Filo, wie ihm die Party gefallen habe. Das interessierte mich brennend, denn er ist ja noch Frischling auf diesem Gebiet und ich wollte wissen, ob wir gute Arbeit geleistet hatten. Beim Schlafengehen war er vom Jack eingeladen worden, zu ihm unter die Decke zu schlüpfen, und er hatte das Angebot gern angenommen. Nun war der Filo schon auf den Beinen, er hatte sich bereits die Zähne geputzt und in sein Postfach auf dem Smartphone geschaut.
„Sehr gut“, hat er gesagt. „Es war mir eine Freude, euch alle kennenzulernen. Ich seid nette Leute. Beim nächsten Mal bin ich gern wieder dabei, wenn ich darf.“
Schön, freut mich zu hören. Allerdings riet ich ihm dringend, bei derlei privaten Zusammenkünften das Handy zu Hause zu lassen, denn erstens wird man dann nicht von seinen Menschen überwacht, und zweiten kann man sich viel besser entspannen, wenn man nicht von Geschäftlichem abgelenkt wird.
„Wir machen das alle so, schon seit Jahren,“ habe ich ihm versichert.
Zu essen war noch genug vom Abendbüfett übrig. Jeder konnte sich was Passendes zusammenklauben. Nur für die heißen Getränke (Kaffee, Tee, Kakao, Brühe und Milch) hatte ich noch mal den Catering-Service bestellt. Er brachte alles in Thermoskannen. Wir lagerten mit den Tellern auf den Kissen, mit denen wir die Reise nach Jerusalem gespielt hatten. Die Cora fragte, ob jemand eine Kopfschmerztablette benötige, sie habe genug in der Handtasche.
Nach dem Frühstück brachen wir auf. Es ist echt toll, wenn man den Dreck, den man produziert hat, nicht selber wegräumen muss. Dafür würde später eine Reinigungsfirma kommen. Die Limousine brachte die Schleswig-Holsteiner nach Hause. Ich habe allen eine Brottüte mit einem Stück der bunten Geburtstagstorte mitgegeben. Die hatten wir nämlich leider nicht aufgekriegt. Nur die Kötteltorte war alle. Der Karlsson ließ noch mal das Fenster runter und schrie mir zu:
„Piepsi! Du bist 'n echt starker Pupsi!“
Oh Mann, bei dem war der Alkohol wohl noch nicht restlos abgebaut. Auf der anderen Wagenseite wedelte ein schwarzweißer Fellarm mit einer bunt bekleckerten Butterbrottüte aus dem Fensterschlitz. Ja, Micky, ich habe deine Botschaft verstanden. Es sollte „Tschüs“ bedeuten und „Ich habe meinen Proviant schon aufgegessen.“ Aus dem Wagen konnte man es dumpf johlen hören. Als Gastgeber erfreut es das Herz, wenn die Gäste so guter Laune sind.
Die Luna und der Filo fuhren natürlich mit dem Pött-Pött-Pött nach Celle. Ich schaute ihnen nach, bis sie um die Ecke gebogen waren. Auch sie waren mit Tortenstücken sowie mit Gemüse- und Obstspießen versehen. Es wäre ja dumm gewesen, all die schönen Fressalien zurückzulassen. Die Duisburger fuhren im Taxi zum Bahnhof. Dass ich sie begleite, hatten sie abgelehnt. Sie seien schließlich schon groß, meinten sie, und sie würden den Weg allmählich gut kennen, so oft seien sie schon in Hannover gewesen. Sie hatten ebenfalls Tortenstücke und Obst- und Gemüse-Spieße dabei. Verhungern würden sie auf der Fahrt jedenfalls nicht.
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| Cora |
Nun, da alle weg waren, brauchte ich nur noch die Tür vom Gemeindehaus hinter mir zuzuziehen. Die Fendy ging mit zum Mörßel an seinen Teich. Die beiden wollten den schönen, sonnigen Samstag genießen. Ich bin nach Hause gegangen, um mich gleich an die Berichterstattung zu setzen. Fünf zu werden ist toll, wenn man solche Freunde hat.



















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