Unser Alltag: Karlsson und Polly

Wenn es darum geht, unsere Reisekasse zu füllen, ist der Karlsson eine sehr zuverlässige Quelle. Einige Einnahmen generiert aus seiner Tätigkeit als Vortragsreisender. Die Nachfrage nach Unterricht in Sachen 1953er Buick Skylark und anderen Oldtimern ist nach wie vor gegeben, wenn ich auch gehört habe, dass man in der Nachbarschaft bereits abwinkt, weil einem das Thema zu den Ohren raushängt. Nun gut, der Karlsson wohnt ländlich, da wäre man mit einem Dia-Vortrag über Mähdrescher vielleicht besser dran.  
 
 
Ich glaube ohnehin, dass sein eigentliches Standbein, der Vertrieb seiner Wolle, weit mehr Gewinn abwirft. Die Nachfrage ist groß, besonders bei Waldbewohnern, die sich den Luxus erlesenen Nistmaterials gern etwas kosten lassen. Karlssons Locken gelten als weich, saugfähig, temperaturregulierend und formstabil. Sie lassen sich gut reinigen und aufschütteln und passen wegen der neutralen Farbgebung in jedes Ambiente. Wenn es seine Zeit erlaubt, zieht der Karlsson höchstpersönlich mit seinem Verkaufsstand in die Natur. Er schätzt den direkten Kundenkontakt. Ansonsten wird natürlich viel online gekauft. Die Polly packt schon mal mit an, hilft bei den Rechnungen oder legt frische Bestellzettel in die Pakete.
 
 
Ich als Kassenwart der Reisegruppe kann nicht oft genug betonen, wie vorbildlich Karlssons Beitragsmoral ist. Selbstlos scheint er jeden Cent zu spendieren. Das ist um so erstaunlicher, da er als Gutsherr weitreichende Verantwortung trägt, die natürlich auch mit finanziellen Belastungen einhergeht. So ein altes Gut will in seiner historischen Bedeutung gesehen werden; Tradition und Zukunft fordern gleichermaßen ihren Tribut, und nicht zuletzt sind Wirtschaftsgebäude und Ländereien beileibe keine blutleeren Hüllen, die es nur zu erhalten gelte, sondern sie werden von Untertanen bewohnt und genutzt, die auf Lebensqualität pochen. Man kann es so ausdrücken: Das Gut ist das Zuhause vieler. Entsprechend drückend sind die Pflichten, die auf dem Karlsson lasten. Als Hausherr ist er unermüdlich im Einsatz. Er beobachtet, inspiziert, erinnert, ermahnt und rückt gerade, was aus der Spur geraten ist. Dabei sind die Verfehlungen oft gravierend. Man braucht starke Nerven, um nicht daran zu zerbrechen.

Sie reichen von Vandalismus ...
 

 ... über Landbesetzung ...
 

 ... und Mietfrevel ...
 

 ... bis hin zur Revolte:
 
 
Einmal im Jahr kommt es zum Showdown, denn als Gutsherr hat der Karlsson natürlich auch die niederen Gerichtsrechte inne. Einmal jährlich – in seinem Fall Ende Juli – lässt er alle Delinquenten vorladen, die sich dann ihre Strafe abholen müssen. Die Vergehen sind in einem Buch notiert. Es handelt sich, wie der Name schon sagt, um geringere Verfehlungen wie nachbarliche Streitigkeiten, Beleidigungen, wildes Nisten, wiederholtes Pochen mit dem Schnabel gegen eine Baumrinde während der Mittagsruhe, Nichtbefolgen der Kehrwoche oder das Spannen von Wäscheleinen über stark frequentierte Wirtschaftswege. In zwölf Monaten kommt da einiges zusammen. Der Karlsson nimmt seine Rolle als Richter sehr ernst. Im Online-Frisörhandel hat er sich extra einen schwarzen Frisierumhang bestellt. Die englische Court-Perücke stammt aus einem Theater-Fundus und sogar der Schwanz wird aufgebürstet, damit er imposanter wirkt und auch von hinten Respekt einflößt, falls ein Geladener zu spät kommen sollte und querfeldein gehen müsste, um seinen Platz zu erreichen. 
 

Früher hat die Polly den Schöffenbeistand gemacht. Aber weil sie ständig eingeschlafen ist, wurde sie von drei Freiwilligen ersetzt. Sie bekommen je einen Gutschein über eine To-go-Tüte beim China-Imbiss. Dafür müssen sie während der Gerichtsverhandlung still dasitzen und autoritär gucken. Zu sagen haben sie nichts. In Wahrheit stehen die Strafen nämlich schon vorher fest. Dafür gibt es so genannte Verfehlungslisten, in denen man nachschlägt. Einen Anwalt, der die Interessen der Angeklagten vertritt, gibt es nicht. Er wird schlicht nicht gebraucht, da der Gutspolizist bereits kurz nach der Verfehlung offiziell festgestellt hatte, wer schuldig ist und in welchem Umfang. Der Gutspolizist ist ein integrer Mann. Der Richter glaubt dem Polizisten. Der Polizist ist der Karlsson. So geht alles am wichtigsten Tag im Juli flott von der Pfote und die Delinquenten können bald wieder nach Hause gehen. 

Die Strafen dürfen natürlich nur verhältnismäßig ausfallen. Daher ist mit ihnen finanziell kein Blumentopf zu gewinnen. Aus diesem Grund verhängt der Karlsson lieber Arbeitsstrafen. Besonders im Spätsommer sieht man Wildschweine den Rasen mähen, Eulen runtergefallene Äpfel aufsammeln oder Feldmäuse die Hecken schneiden. Aha, so wird also der wirtschaftliche Input in Gang gehalten. Ich bin froh darüber, denn die Vorstellung, dass wir uns beim Urlauben in fernen Ländern mit dem Sühnegeld krimineller Untertanen unser Eis kaufen, würde mir doch sehr zusetzen. 

Ganz ehrlich? Ich gebe es zu: Mir war, bevor ich für diese Rubrik zu recherchieren begann, nicht im Entferntesten klar, welch hartes Leben der Karlsson täglich zu bewältigen hat. Ich dachte immer, Gutsherr sein bedeute Dolce Vita, hier mal ein bisschen spazieren gehen, dort ein wenig mit den Anwohnern plaudern. Verstehen kann ich jetzt, dass man bei all den Belastungen ein gutes Konzept zur Entspannung braucht. Wann immer es geht, versucht sich der Karlsson für kurze Augenblicke zurückzuziehen. Gern vertieft er sich dann in die Literatur: Dostojewski, Tolstoi, Proust, Hemingway. Die philosophische Ansprache bedeutet ihm viel.  
 

Am Abend folgt ein längeres Auftanken im berühmten Herrenzimmer – jetzt mit einem guten Glas Whisky und Miles Davis auf den Ohren. Anders ginge es nicht, anders riskierte der Karlsson einen Burnout. Und das wollen wir nicht. Seine Höhenangst soll die einzige Eintrübung bleiben, die unsere Reisen begleitet.  
 

Mal eine generelle Frage: Wenn der Karlsson der Gutsherr ist, ist dann die Polly die Gutsherrin? Eher nicht, oder? Man hat jedenfalls noch nie erlebt, dass sie sich selbst so bezeichnet hätte. Außerdem ist sie ja gar nicht verheiratet, sondern nur Karlssons „Unschwester“. Das heißt, man kommt gut miteinander aus, teilt aber sonst keinerlei Intimitäten, so wie bei mir und der Fendy. Ich kann das gut verstehen.

Früher war die Polly durchaus unternehmungslustig. Sie hat gern Städtereisen gemacht und sich in teuren Geschäften umgeschaut. Wir erinnern uns: Mit der ländlichen Amy ist sie manchmal losgezogen. Jetzt, da die Polly, so krank ist, geht sie es lieber gemütlich an. Sie schläft viel und das natürlich standesgemäß.
 

 Gelegentlich folgen Wellness-Behandlungen. Eine Kosmetikerin und eine Masseurin kommen ins Haus.
 

Die Leberwurstbällchen für die Kühltasche, ohne die die Polly nicht mit uns feiern könnte, stellt sie größtenteils selbst her. Sie sagt, dann wisse sie wenigstens, was drin ist. Manchmal hilft der Karlsson ihr beim Drehen. Die Leberwurst stammt vom Dorfmetzger, Qualitätsware; für die Polly nur das Beste.  
 

Wenn dann noch Zeit bleibt, relaxt die Polly gern am Pool. Die Sonne tut ihr gut und ein kühles Bad erfrischt die Lebensgeister. Oft telefoniert sie dabei mit ihren Ziehsöhnen, dem Micky Bonaparte und dem Emil. An ihrem Leben nimmt sie regen Anteil. Ab und zu ist sie sogar mit ihnen unterwegs, unternimmt Ausflüge (zum Beispiel zu Hagenbeck) oder geht mit ihnen ins Kino. Daran hat sich bis heute nichts geändert, obwohl die beiden inzwischen junge Erwachsene sind.
 
 
Ich finde es schön, dass man die Polly so verwöhnt. Sie hat es verdient, man hat sie gern um sich. Die Beschäftigung mit der Jugend hält geistig fit und wir andern achten darauf, dass sie sich auch mal an einem leckeren Drink erfreut und nicht vergisst, zwischendurch ein flottes Tänzchen hinzulegen, alles natürlich in verträglichem Maße. Mögen wir noch lange Spaß zusammen haben. Halt durch, Polly!
 
Fotos: Von Chatgpt generiert nach Originalfotos von Karlsson und Polly © Terrierhausen
 
© Boff  

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