Bye-bye, Erik


 
Leider ging es dem Erik kurz vor seinem Tod so schlecht und das Ende kam so rasch, dass wir uns nicht gebührend von ihm verabschieden konnten. Das tut uns in der Seele weh, denn eine warme Umarmung hätten wir ihm schon gern mitgegeben. So wollten wir dem Erik wenigstens ein großartiges Gedenken bereiten, eine kleine Feier, in der er die Hauptperson sein sollte und zu der wir zusammenkommen wollten, um uns an ihn zu erinnern und das zu feiern, was der Erik uns bedeutete.  
 
Wir mussten uns ziemlich beeilen. Am Mittwoch war der Erik gestorben, am Donnerstagnachmittag hat ihn seine Familie würdevoll im Garten beigesetzt – neben seinem Bruder Stups. Am gleichen Donnerstag, aber abends, bin ich mit der Fendy und dem Mörßel nach Celle gefahren. Die Fendy sollte sich um die Luna kümmern, der es natürlich gar nicht gut ging. Sie hatte keinen rechten Appetit und ließ die Ohren hängen. Soweit ich es mitkriegte, wurden ihr erst mal die Nägel gemacht, dann wurde eine Gesichtsmaske aufgetragen und schließlich eine Schüssel mit Kamillenblüten aufgegossen für ein Wohlfühldampfbad zur Entspannung und damit sich die Poren öffneten für die Rosen-Ingwer-Tinktur, die besonders effektiv sein sollte gegen eventuell vorhandene Schuppen und für seidiges Fell. Mit andern Worten: So stellte sich die Fendy vor, wie man eine trauernde Witwe auf andere Gedanken bringt. Stundenlang waren die beiden im Bad verschwunden. Ich glaube, die Luna war mental so schlapp, dass ihr egal war, was man mit ihr anstellte.
 
Unterdessen hat sich der Mößel ums Geschäft gekümmert. Die Likör-Verkostungstermine mussten abgesagt werden und die dringendsten Bestellungen warteten auf den Versand. Mit dem Pött-Pött-Pött und den Paketen ist er am andern Morgen zur Post gefahren. Ich habe mich mit den Flying Hoppers getroffen, um das Festprogramm zu organisieren. Eine Todesanzeige hatte der Luke bereits über sein Geschäft aufgegeben, natürlich in unserer bevorzugten Gazette, der „Fell, Federn, Schwarte“, allerdings vorerst nur in der Online-Ausgabe, da es für die Printausgabe zu kurzfristig war. Uns war wichtig, dass alle möglichst schnell im Bilde wären. Die Einladungen an unsere Reisegruppe zur Gedenkfeier hatte der Micky Bonaparte über sein Smartphone verschickt. 
 
Gott sei Dank bestehen die Flying Hoppers aus vielen kräftigen und ideenreichen Sportlern, außerdem sind sie vor Ort, so dass die notwendigen Bestellungen rechtzeitig rausgehen konnten und etliche Pfoten zur Verfügung standen, um das Equipment herbeizuschaffen und aufzubauen. Die Jugendsektion des Vereins hatte sich ebenfalls zur Mithilfe angeboten, und das war richtig süß, denn die Kids und Youngsters kannten natürlich alle den Erik persönlich und sie mochten ihn, so dass sie es sich nicht nehmen lassen wollten, ihm auf diese Weise für sein Engagement zu danken. Das hatte zur Folge, dass noch in der Nacht ganze Horden emsiger Vierbeiner durch den Garten trampelten. Der arme Rasen! Die Family hat uns machen lassen. Wir haben nichts von den Menschen gesehen, da wir die Family nicht in ihrer Trauer stören wollten und daher die Feierlichkeiten in den Keller verlegt hatten. Dorthin gelangt man bekanntlich von hinten über den Garten. Wir hatten Schlafsäcke und Klappliegen dabei und nächtigten neben den Öhry-Möhry-Flaschen am Ausschank. 
 
Am Freitagnachmittag bin ich zurück nach Hannover gefahren. Da war im Keller bereits das meiste fertig. Sogar an das Dixie-Klo neben der Regentonne hatten wir gedacht. Ich habe die beiden Matschfalter abgeholt. Unbedingt wollten sie sich auch vom Erik verabschieden. Als ich ankam, war es noch hell und die beiden schliefen noch kopfüber an der Stange im Kleiderschrank. Nachdem ich sie abgepult und in meinen Rucksack geschoben hatte, bin ich mit ihnen zum Bahnhof gefahren, die Duisburger abzuholen. Sie hatten – wie alle von uns – alles stehen und liegen lassen, um rechtzeitig in Celle zu sein. Sie waren vollzählig: Cora, Paule, Engelbert. Es hatte seinen Grund, dass wir die Feier auf den Abend und die Nacht gelegt hatten – nicht nur, um uns von der Family unabhängig zu machen, sondern vor allem, weil wir etwas Besonderes vorhatten, das nur in der Dunkelheit funktionierte.
 
Die Holsteiner kamen in der Firmenlimousine: Karlsson, Polly, Micky, Luke, Jack und Emil. Nur die drei Pferdemädels fehlten leider. Einer ihrer Hänger stand mit einem Platten auf dem Hof, außerdem hatte Abbatini Migräne und musste im abgedunkelten Stall bleiben. Gern hätten sie persönlich dem Erik die letzte Ehre erwiesen, und das glaube ich ihnen sofort, aber wenn man bedenkt, dass neben den vielen Hoppel- und zusätzlich Hundepfoten nun auch noch zwölf Hufe den Gartenboden aufwühlen sollten, war es vielleicht das beste Entgegenkommen an die Gartenbesitzer, dass zumindest die großen Stuten daheim blieben. Sie hatten dem Emil eine sehr hübsche Kondolenzkarte mit rührenden Worten mitgegeben. Den Jack habe ich unauffällig auf den Engelbert angesetzt. Er sollte ihn im Auge behalten, damit er sich nicht an irgendeinem wie auch immer gearteten Kabel oder Schalter zu schaffen machte. Das hätte uns gerade noch gefehlt, dass uns im Keller das Licht ausginge.  
 
Als es dämmerte, waren alle eingetroffen. Den Roosevelt und den Otis hatte ich aus dem Rucksack ins Beet gekippt. Benommen rappelten sie sich jetzt auf. Wir übrigen standen im Garten herum, unterhielten uns mit gedämpfter Stimme, bis Kuno aus Boye sich meldete und uns alle offiziell willkommen hieß. Die Gedenkfeier für den Erik sei hiermit eröffnet. 
 
Als Erstes gingen wir alle zusammen nach hinten an den Gartenzaun, denn dort befindet sich Eriks Grab. Wir legten eine Schweigeminute ein. Die Cora und die Fendy hatten die Luna in ihre Mitte genommen. Sie trug ein schwarzes Tüllstück über den Augen, befestigt mit einem silbernen Schmetterling, der das Ganze an der Stirn in Position hielt. 
„Was für ein hübsches Symbol für die Freiheit“, raunte die Polly dem Paule zu.
Dann war ich dran. Ich las das alte irische Lied „Until we meet again“ vor. Den Vormittag hatte ich extra mit einem Taschenspiegel geübt, das richtige Tempo zu treffen, den richtigen Tonfall und das richtige Gesicht.
„Wieso?“, hatte mich der Mörßel gefragt, als er eine neue Rolle Etiketten holen kam. „Ich denk, dann ist es dunkel. Dann ist es doch egal, ob du blöd guckst.“
Ja, Mann! Aber muss man mir das so brutal sagen?! Kopfschüttelnd habe ich ihm noch lange nachgeschaut.
 
Weiter im Text. Ja, genau, richtiges Stichwort: Lyrik. Die habe ich vorgelesen. Hier gebe ich die erste Strophe wieder. Ich finde, die Iren können es einfach. Bei Blessings sind sie unschlagbar. 
 
May the road rise up to meet you
May the wind be always at your back
May the sun shine warm upon your face now
May the rain fall soft upon your fields
 
And until we meet again
And until we meet again
May God hold you
In the palm of His hand. 
 
Jemand aus der Hoppers-Nachwuchsgruppe schluchzte laut auf. Die Fendy schnaubte geräuschvoll in ihr Taschentuch. Anschließend hielten wir noch mal eine stille Gedenkminute ab. Danach wurde alles in den Keller gebeten. Wir folgten dem Tross (vorneweg die Hoppel-Kinder und die Youngsters) zum matt beleuchteten Eingang. Im hinteren Keller, dort wo die Regale stehen mit den verschiedenen Flaschen, an denen der Erik geübt hatte, welche sich für den Vertrieb besonders gut eigneten, hatten wir eine große Leinwand aufgebaut. Davor ließen wir uns nieder. Ein Projektor warf Fotos darauf. Rosalind aus Groß Hehlen hatte sie in aller Eile per Video-Chat mit dem Jack, der sich gut mit Formatierungen auskennt, und dem Paule, der nichts Besseres zu tun gehabt hatte, in Szene gesetzt. Die Präsentation zeigte Stationen aus Eriks Leben: in der Krippe mit seinen Geschwistern, im Kindergarten, beim Seepferdchen-Swimmen im Baggersee (sehr mutig!), beim ersten Praktikum (Ostereier bemalen), beim zweiten Praktikum (Ostereier verstecken), bei der Berufsberatung, bei seiner Adoption zusammen mit seiner Family bis hin zu dem Zeitpunkt, als die Luna einzog und wir uns kennenlernten. Rosalind hat alles sehr nett moderiert. 
 
 

 
Dieses Foto, das wir noch gar nicht lange her aufgenommen hatten, nämlich am Neujahrstag im Hotel in St. Peter-Ording, zeigt den Erik mit der Fendy und dem Paule. Es gehört zu unserer Foto-Serie „Freundschaft“.
 
 
 
 
Es wurde viel gelacht. Auch „Guck mal!“-Rufe waren oft zu hören. Besonders die Hoppel-Kinder fanden es sehr erheiternd, den würdigen Erik, den sie nur als erwachsene Respektsperson kannten, mit schokoladenverschmiertem Gesicht zu sehen oder zu erfahren, dass er in der 6. Klasse eine Fünf in Erdkunde hatte. 
„Aha, vielleicht kam daher seine Abneigung gegen das Reisen“, hat der Karlsson zum Luke gesagt. 
 
Apropos Ostereier. Vom Osterhasen lag eine sehr imposante Schmuck-Mail vor. Darin hatte er lobende Worte über den Erik gefunden und tröstende Worte an die Luna gerichtet. Man bedenke: Es ist Hochzeit in der Ostervorbereitung, und dann nimmt sich der Osterhase die Zeit und schreibt eine persönliche Kondolenzkarte. Wie schön! Allerdings hatte der Erik ja auch jahrelang ehrenamtlich, also kostenlos, im Aufräumkommando nach den Osterfeiertagen mitgeholfen. Daher war es völlig in Ordnung, dass man sich jetzt an höchster Stelle gebührend daran erinnerte. Der eine oder andere Geschäftskunde hatte ebenfalls Kondolenzbriefe geschickt. Aber weil sie niemand kannte, haben wir die Briefe auch nicht vorgelesen. Vom Karlsson wussten wir, dass die Jane aus Detroit ein Päckchen schicken wollte. Aus den USA konnte es ja noch nicht angekommen sein. Lieb von ihr. Sie macht es aber spannend. Was da wohl drin ist? 
 
Nach dem Foto-Vortrag war der Programmpunkt „Catering“ dran. Beim hiesigen Metzger war Fingerfood bestellt worden. Es gab Fleischhäppchen und  Häppchen für Vegetarier. In der aktuellen Konstellation lag das Verhältnis 1 zu 10. Insbesondere der Karlsson hatte Mühe, den Teller mit den Frikadellen zu finden. Der Emil und die Cora halfen beim Bedienen. Alkohol gab es nicht. Und soviel ich weiß, waren die Youngsters streng ermahnt worden, die Pfoten von den Öhry-Möhry-Flaschen zu lassen. Schließlich waren wir zusammengekommen, um dem Erik zu gedenken, und nicht, um sich die Kante zu geben. In dem schmucklosen Keller warfen die Wände unsere Gespräche zurück. Es war ein ständiges Gemurmel und Geraune, gelegentlich gewürzt von einem herzhaften Lacher, wenn jemand etwas Lustiges vom Erik erzählte. Die Luna hatte ihr Tülldeckchen abgelegt, als wir in den Keller gegangen waren. Still und regungslos hatte sie der Fotopräsentation zugeschaut. Sie duftete fruchtig. Jetzt wurde sie von der Fendy genötigt, wenigstens ein paar Weintrauben zu essen. 
 
 

Zu vorgeschrittener Stunde näherten wir uns dem Höhepunkt. Dazu mussten wir Keller und Grundstück verlassen und in ein Taxi steigen. Der Rest der Flying Hoppers (Alt- und Jugendriege) fuhr mit dem Pött-Pött-Pött hinterher. Wir hatten zwei dicke Planen und eine Taschenlampe dabei. Ziel war das Celler Schloss. Hier sieht man es im Hellem von der Seite:
 
 

 
Man kann sich denken, dass wir – bei dem Equipment – nicht scharf darauf waren, unterwegs jemandem zu begegnen. Genauer gesagt wollten wir ein Loch graben, aber nicht an der Vorderfront, sondern an der Rückseite. Zum Schloss gehört nämlich ein recht weitläufiger Park. Zwar ist das meiste Rasen mit einem romantischer Graben, der einmal rundherum führt, aber an den Rändern stehen alte Bäume mit dicken Stämmen und allerlei Büschen dabei, fast wie in einem Wald. Am Vormittag hatte ich mit Kuno aus Boye bereits das Gelände gesichtet und den besten Platz ausgesucht. Dorthin machten wir uns nun auf den Weg. Gott sei Dank laufen Menschen im Dunkeln nicht gern durch Parks, also konnten wir relativ sicher sein, dass man uns nicht störte. Vorsichtshalber hatten wir dennoch ein paar Wachen verteilt, die uns warnen würden, falls sich doch jemand nähern sollte. Der Jack war darunter und auch der Engelbert. 
 
Zum Buddeln hatten wir reichlich Fachpersonal dabei. Der Micky Bonaparte fing an, dann übernahmen die Kaninchen die Feinarbeit. Den Aushub trugen die Youngsters beiseite und stapelten die Erde auf den Planen. Dazu hatten wir die Planen mitgenommen; sie ließen sich über den Boden ziehen. Die Polly leuchtete mit der Taschenlampe ins Loch, denn es war stockdunkel. Wir gruben, so tief es ging. Es sollte eine gewisse Dauerhaftigkeit hergestellt werden, ohne Gefahr zu laufen, dass die Parkarbeiter beim Umgraben alles vorzeitig zunichte machten. Als Leonhard (was für ein Name!) aus Garßen uns irgendwann aus dem Loch zurief, dass es jetzt wohl genug sei, ließen wir an einem Seil die Flasche runter.

 
 
Es handelte sich natürlich um eine Flasche Öhry-Möhry-Likör, selbstverständlich leer. Darin hatten wir ein Foto vom Erik mit der Family gesteckt, ein Foto von ihm mit der Luna (das hier:) …
 
 
 
… und je eine Visitenkarte vom Push-Vertrieb und vom Schnapshandel, einen Ausschnitt (Stadtplan) von der Innenstadt von Celle sowie einen Brief. In den Brief hatten wir Folgendes geschrieben:
 
 
Liebe Archäologen der Zukunft,
was ihr in der Hand haltet, sind Erinnerungsstücke an unseren lieben Freund Erik. Er war ein Zwergkaninchen, geboren am 03.04.2016, gestorben am 11.03.2026. Wir hatten ihn sehr gern. Er war hilfsbereit, großzügig, zuverlässig, geschäftstüchtig und sehr aktiv. Er besaß zwei gutgehende Handelsgeschäfte (siehe Visitenkarten) und engagierte sich im Kaninchensport. Er war ein Celler Jung und lebte bei einer netten Familie und seiner Partnerin Luna, die ihn alle sehr liebten. Leider müssen wir fortan ohne den Erik auskommen. Wir sind sehr traurig darüber, glauben aber, dass etwas von ihm in die Zukunft reichen wird. Deshalb haben wir dieses kleine Testament zusammengestellt.

Wir sind der Meinung, dass ihr darüber Bescheid wissen solltest, wenn ihr demnächst all das hier in euren Museen ausstellt. Wir glauben fest daran, dass eure Zeitgenossen genauso ehrfurchtsvoll an den Erik denken werden, wie wir es tun, die ihn noch persönlich kannten. 

Celle, den 13. März 2026

Seine Freunde Fendy, Boff, Cora, Karlsson, Micky, Luke, Emil, Jack, Paule, Polly, Engelbert, Mörßel, Roosevelt und Otis und der Kaninchensportverein Flying Hoppers Celle (Alt- und Jugendsektion) 
 
Die Flasche hatten wir mit einem Korken verschlossen und mit Kerzenwachs versiegelt, damit keine Feuchtigkeit eindringen könnte. Mit dem Seil haben wir auch den Leonhard nach oben gezogen. Die Youngsters machten sich sofort daran, das Loch wieder zuzuschütten. Mit vereinten Kräften ging es sehr schnell. Als alles wieder eben war, legten wir ein mittelgroßes Herz aus kleinen Steinen auf die Stelle. Die Hoppers-Kinder hatten sie mit Bronzefarbe bemalt, damit es ein wenig  schimmert, wenn die Sonne scheint, aber nicht zu doll, damit niemand Unbefugtes sich daran zu schaffen macht. Wenn jemand von euch mal nach Celle kommen sollte, dann könnt ihr ja mal schauen, ob ihr im Schlosspark das Herz findet. 

Huh, jetzt war es aber doch recht frisch geworden. Während man still dabeigestanden und zugeschaut hatte, war man ausgekühlt. Aber wir waren ja noch nicht am Ende angelangt. Es folgte noch der letzte Akt und der war mit körperlicher Aktivität verbunden, moderat zumindest. Der Karlsson holte mit dem Micky und den Hoppers die Heliumflaschen aus dem Pött-Pött-Pött. Die Luftballons waren schon vorbereitet, nur noch nicht aufgeblasen. Alle 99 (Eriks Alter x 10) enthielten eine Schnur. Daran hing je ein weißes LED-Licht und ein laminiertes Kärtchen. Auf dem Kärtchen sah man ein kleines Foto vom Erik und folgenden Text:
 
Flieg, Luftballon, flieg. Bring der Welt das Gedenken an den Erik. Wer das liest, möge bitte ein Gebet sprechen oder dem Erik gute Wünsche senden. Anschrift: Regenbogen. Danke schön. Wie lieb von dir. Alles andere bitte an diese E-Mail-Adresse: lunas.tierreisen@kaninchenmail.com.
 
Wir steckten die Ballons auf die Heliumkartuschen. Die Polly spendete wieder Licht mit der Taschenlampe. Leidlich konnte man etwas erkennen. Mancher gar zu engagiert traktierter Ballon zerplatzte knallend. Dann zuckte alles zusammen. Hier in der stillen Dunkelheit kam einem alles noch viel lauter und verräterischer vor. Aber glücklicherweise hatten wir auch diesen Programmpunkt nicht ohne Absicherung gelassen. An strategisch günstigen Stellen hielten der Paule, die Matschfalter und ein paar Flying Hoppers Wache. Kein Pfiff ertönte. Wir konnten also fortfahren. Bald darauf musste allerdings die Fendy gerettet werden. Sie quiekte plötzlich über unsern Köpfen. Ihr Ballon hatte sie glatt mit in die Höhe gehoben, so leicht, wie sie ist. Aber die Cora ist zur Stelle gesprungen und hat Ballon und Fendy heil wieder auf den Boden geholt. Daraufhin habe ich das Aufblasen auch lieber gelassen. Den Roosevelt und den Otis hätte dieses Schicksal ebenfalls geblüht, doch die beiden saßen ja ohnehin im Baum und schauten nach Eindringlichen. Man kam auch ohne uns gut voran.

Als alle Ballons aufgeblasen waren, stellten wir uns in einem Halbkreis auf den Rasen. Es war stockdunkel, nur von der Ferne schimmerten zwei oder drei Parklaternen und die Schlossbeleuchtung der Vorderseite. Es war kurz vor Mitternacht. Auf das Kommando „Los!“ ließen wir alle unsere Ballons in den Himmel steigen. Es war ein erhabener Anblick, wie all die weißen Bälle mit den kleinen weißen Lichtern in den Himmel verschwanden. 
„Tschau, Erik“, habe ich gemurmelt.
Die Cora und der Luke haben die Luna in ihre Mitte genommen und sie an sich gedrückt. Bestimmt war sie sehr traurig wegen des Abschieds, vielleicht aber auch ein klein wenig glücklich, dass der Erik in den Gedanken vieler weiterlebt. Zumindest wünsche ich ihr diesen Trost von ganzem Herzen. 

Als kein Ballon und kein Licht mehr zu sehen war, sind wir heimgegangen. Die Flying Hoppers sind direkt nach Hause gefahren (die meisten mit dem Pött-Pött-Pött), wir Auswärtigen haben ein Taxi bestellt. Im Keller haben wir die Klappbetten und die Schlafsäcke rausgeholt. Wir sind gleich zu Bett gegangen. Die Luna lag bei der Polly. Sie hatte wohl nicht allein sein wollen in ihrem leeren Stall. Selbstverständlich hatten der Emil und der Micky ihren Platz an Pollys Seite sofort für sie frei gemacht. Die Polly ist warm und tröstlich und weiß durch ihre Krankheit, was es heißt, wenn das Leben aus den Fugen gerät. Gesprochen hat niemand mehr viel. Alle waren still und müde und in Gedanken sicherlich beim Erik, der sich vielleicht jetzt hoch oben beim Regenbogen wunderte, woher all die Ballons kamen, auf die er hinabschaute. Aber erstens steht auf allen Ballons ein großes E, und zweitens kennt er uns doch, nicht wahr?
 
Fotos: Seifenblase, Celler Schloss: Pixabay 
      KI-generiert von Chatgpt unter Verwendung von Originalen: Erik, Luna © K. R., Cora, Paule © G. H., Karlsson, Polly © Terrierhausen, Micky, Luke, Emil © Club der glücklichen Vierbeiner
 
© Boff                                                                                                           

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