Silvester in SPO

Mann, war das vielleicht 'ne Sause. Ich habe noch immer den Geschmack von edlem Champagner auf der Zunge und die Klänge von geschmeidiger Swing-Musik im Ohr. Ich hoffe, ihr alle seid genauso stilvoll ins neue Jahr gekommen wie wir. 

St. Peter-Ording ist ja immer einen Besuch wert, besonders aber, wenn man eingeladen wird, den vollen Service eines exklusiven Hotels vor Ort zu nutzen. Wie man weiß, hat uns die Judith aus Detroit zu diesem Ereignis eingeladen. Sie hatte uns damals den Trip auf der Route 66 ermöglicht, indem sie uns den historischen Sportwagen und den Fahrer gestellt hatte. Den Jahreswechsel pflegt sie – keine Ahnung, welcher Motivation folgend – fernab der Heimat ausgerechnet in SPO zu verbringen. Das wundert einen Außenstehenden, denn wenn ich ihre finanziellen Möglichkeiten hätte, würde ich vielleicht nach Acapulco fliegen oder nach Rio, aber doch nicht ein Nest an der Nordsee aufsuchen, wo man erst einen Deich hochklettern muss und auf der andern Seite wieder runter, bevor man sich durch einen Dünengürtel kämpft, bis man irgendwann in ferner Zukunft (je nach Ebbe oder Flut) das Wasser erreicht. Aber, hey, ich muss ja nicht alles verstehen, und letztlich konnten wir nur dankbar sein, dass es ist, wie es ist, denn für uns ist SPO der Himmel auf Erden. Dort haben wir schon mal einen tollen gemeinsamen Kurzurlaub verbracht und dort haben wir auch im Sommer 2024 die denkwürdige Abschiedsfeier für den Pit ausgerichtet. Das neue Jahr an diesem wunderbaren Ort zu begrüßen, ist ein Privileg, das wir sehr zu schätzen wissen.

St. Peter-Ording: nass
St. Peter-Ording: trocken

Eingeladen war eigentlich nur unsere Reisegruppe, angereist sind wir aber mit dreizehn Personen. Das lag vor allem am Luke, der die Joslyn ja auch kennt von damals von unserer Ankunft in Los Angeles. Er fand es eine gute Idee, sich mit einer Betriebsfeier anzuschließen als kleines Dankeschön an seine Mitarbeiter. Da unsere Gastgeberin nichts dagegen hatte, wurde kurzerhand eine dritte Suite gemietet. Wie man sich an den übrigen Kosten beteiligte (freies Büfett rund um die Uhr, freie Nutzung aller Bars, freier Eintritt zum Abendprogramm), entzieht sich meiner Kenntnis. Das haben die beiden Geschäftsleute unter sich ausgemacht. Uns standen jedenfalls drei geräumige Suiten zur Verfügung. Sehr schick. Man mache sich das mal klar: Im Grunde hätten wir alle dreizehn Gäste auf ein einzelnes Doppelbett gepasst, aber jetzt teilten sich die Polly, der Emil und der Micky (das Mary-Poppins-Team) ein Schlafzimmer plus Wohnzimmer plus Balkon mit Blick aufs Meer, dann der Karlsson, der Luke, der Jack, der Paule und ich (das Männer-Team) ein weiteres Ensemble gleichen Komforts und zu guter Letzt noch die Cora, die Fendy, der Mörßel, die Luna und der Erik (das Pärchen-Team) die dritte, gleichermaßen luxuriös ausgestattete Suite. Keiner, aber auch wirklich keiner hatte Grund sich zu beschweren; wir wurden hofiert wie Filmstars. Die Fendy war absolut gethrillt von all dem Geblinke und Überfluss und kam gar nicht nach mit dem Knipsen für ihren Angeberkanal auf Instagram. Wie man der vorstehenden Aufzählung entnehmen kann, hatte sie diesmal niemanden, dem sie die Fotos schicken konnte, damit er sie gleich einstellen könnte, denn der Mörßel war ja bei uns und nicht daheim auf seinem Ententeich. Nur der Generosität vom Luke hatte er seine Anwesenheit in SPO zu verdanken, übrigens auch der Paule und der Erik, denn sie gehören ja ebenfalls nicht zur inneren Reisegruppe. Aber der Luke, der alte Angeber, hat ja ein gutes Herz und möchte nicht auseinanderreißen, was zusammengehört, zumindest nicht an Silvester. Die Fendy musste sich gedulden mit ihren Postings. Sie kann sich bis heute nicht entscheiden, welche der 3000 Fotos die schönsten sind. 

Nicht dabei waren der Engelbert, der Roosevelt und der Otis (Gott sei Dank!) und die drei Pferdedamen von der Geschäftsfiliale. Der Engelbert konnte nicht kommen, da er in der Notunterkunft für vertriebene Maulwürfe das Mitternachtsfeuerwerk zünden sollte. So nett der Bursche auch ist, so erleichtert war ich über seine Abwesenheit, denn zwei Smaragdbirnen mit Plattfüßen auf einmal wäre zu viel für meine geschundenen Nerven gewesen. Vorhin kam eine Textnachricht von der Cora, dass sich auf einmal ganze Heerscharen von Maulwürfen vor ihrem Gartentor zusammenzögen. Sie hielten Transparente hoch mit „Wir fordern Ersatz, wir fordern Unterkunft“ und ihre kleinen Fäuste ballten sie in Richtung Wohnzimmerfenster. Sie könne sich das überhaupt nicht erklären, dürfe aber den Engelbert auch nicht fragen, ob er etwas damit zu tun habe, denn der hocke zusammengekauert unter der Anrichte und stecke jedes Mal den Kopf unter den Flügel, sobald sie um die Ecke käme. Tja, manche Familien sind halt besonders geschlagen vom Schicksal – ich werde nicht müde, das auszusprechen. Daher stets die Augen auf bei der Belegung freier Heimtierplätze.

Der Roosevelt und der Otis waren über Weihnachten und den Jahreswechsel in Rumänien auf Verwandtenbesuch. Sie kommen erst nächste Woche zurück. Gut so, ein Problem weniger. Dass allerdings Abbatini, Lütti und Spooky nicht mit nach SPO durften, obwohl sie ja auch zur Filiale gehören und gern mal beim Telefondienst aushelfen oder die Post annehmen, war eigentlich nicht zu verantworten. Doch leider gab es von Seiten des Hotels Einschränkungen für bestimmte Tierarten, darunter Alligatoren, Giftschlangen, Elefanten, Nashörner und eben auch Pferde, Letztere wegen ihrer Größe. Man verfüge bedauerlicherweise nicht über ausreichend große Fahrstühle und die Gäste hätten es nicht gern, wenn sie beim Löffeln der Crème Brûlée im Restaurant auf einen Pferdehintern blicken müssten. Und draußen stehenlassen wollte der Luke die drei Mädels auch wieder nicht. Also hat er ihnen ein reichhaltiges Verwöhnprogramm zu Hause spendiert. Eine Catering-Firma lieferte Äpfel- und Karottenberge in Eiffelturmfom sowie Heustapel (mit und ohne Knoblauch), die arrangiert waren wie die Pyramiden von Gizeh. Dazu war der Stall mit Luftschlangen und Girlanden geschmückt. Eine fünfköpfige Band spielte live Hits aus den 70er und 80er Jahren. Eine Masseurin widmete sich der Lockerung verspannter Muskeln und eine Frisörin der Pflege von Mähne und Schwanz. Ein Kellner in Livree servierte Schampus und Orangensaft in güldenen Eimern. Soweit ich weiß, sind von den Beschenkten keine Klagen gekommen. Als man heimgekehrt ist aus SPO am 1. Januar nachmittags, hätte der ganze Hof voller Konfetti gelegen. Das hatte das Putzkommando wohl nicht weggekriegt. 
„Ich räum das jedenfalls nicht auf“, soll Spooky gesagt haben.
Der ganze Stall habe nach Orangenlikör gerochen und Lütti trage jetzt lange, lindgrüne Dreadlocks am Nacken. 
„Extensions“, hat sie gekichert. 
Das kommt davon, wenn man haltlose Weiber unbeaufsichtigt lässt.

Wir andern sind am 30. Dezember mit dem Zug nach Itzehoe gefahren. Die Cora und der Paule hatten die Nacht bei uns verbracht. Am Mittag sind die Luna und der Erik dazugestoßen. Im Zug war natürlich der Bär los, alles voll, aber wir hatten Platzkarten und fuhren außerdem 1. Klasse. Wir fanden, diese Notwendigkeit rechtfertigte den Griff in die Reisekasse. Für den Mörßel war es der erste größere Ausflug mit uns. Ich hoffe, es wird auch sein letzter gewesen sein. Ich kann das ewige Kissi-Kissi und das Rumgeturtele einfach nicht ab. Es verursacht mir Kopfschmerzen. Die hatte ich sowieso schon wegen Fendys Parfüm „Silver Purity“ von Agnés Entrecôte, das jeden Saal augenblicklich vollräuchert, sobald sie ihn betritt, auch überdachte Fußballstadien. Vermutlich ist der Kerl nur so butterweich zu ihr, weil er dauerbetäubt ist. 
„Tropf mir bloß nicht auf den Sitz“, habe ich zu ihm gesagt. 
Enten führen ja gern mal Feuchtigkeit mit sich. 

In Itzehoe wurden wir vom Firmenwagen abgeholt und nach M. gefahren. Dort warteten der Micky Bonaparte und der Luke auf uns. Es war noch nicht lange her, seit wir Mickys Geburtstag in der Firmenzentrale gefeiert hatten. Inzwischen sah das Haus wieder picobello aus. Trotzdem waren wir nicht ganz sicher, ob schon genug Zeit vergangen war, damit Tante Susanne uns verzeihen konnte. Ihr erinnert euch: Wir hatten sie ein wenig beschwindeln müssen, um sie aus dem Haus zu kriegen. Feiern mit Menschen in der Bude ist nie eine gute Idee. Vorsichtshalber hatten wir eine Packung Erfrischungsstäbchen mitgebracht – zur Besänftigung.
„Wo ist sie denn?“, hat sich die Cora umgeschaut.
„Wir haben sie mit Lisa und deren Mann drei Tage auf ein Cocktailschiff geschickt, all inclusive. Das juckelt einmal in Schlangenform um die Ostfriesischen Inseln herum und wieder zurück. Das Haus hier und der Pferdehof sind rein.“
Tja, eins muss man dem Luke lassen, organisieren kann er. Wir ließen erst mal alles fallen und nahmen das Sofa in Beschlag. 

Nicht, dass wir in der Nacht schon getrunken hätten. Wir benötigten all unsere Energien, um uns auf den denkwürdigen Tag in SPO vorzubereiten. Die Cora hat der Luna eine Algenmaske aufgetragen. Mit der Pampe im Gesicht sah sie aus wie … Nein, ich sag es nicht.
„Läuft das unter Kräuterkruste?“, habe ich nur gefragt.
„Hau ab! Du bist ekelig!“, kam es von der Fendy zurück.
Sie war gerade dabei, mit dem Nassrasierer noch letzte störende Federchen zu beseitigen. 

Mit dem Erik und dem Micky Bonaparte habe ich Monopoly gespielt. Oben im Schlafzimmer lagen der Luke, der Paule und der Mörßel auf dem Bett und schauten einen alten James-Bond-Film. Dabei heißt es doch immer, Katzen scheuten das Wasser. Aber ich weiß mit Sicherheit, dass der Mörßel sich vorher im Bad den Straßendreck von den Flatschen geduscht hatte. Was bin ich froh, dass ich keine Suite mit ihm teilen muss: Teichtiere sind und bleiben ein Risiko. Zum Abendessen wurden drei Pizzen bestellt, eine mit Ananas für die Vegetarier. Es blieb noch was übrig. 

Wir haben gut geschlafen. Nach einem reichhaltigen (späten) Frühstück mit Aufbackbrötchen, Ei, Obst, Cocktailtomaten, Wurst, Käse, Marmelade und belebenden Heißgetränken nach Wahl packten wir unsere Plünnen wieder zusammen und bestiegen die Firmen-Limousine, die pünktlich vorgefahren war. Erst ging's zum Pferdehof, den Jack und den Emil abholen. Als wir dort ankamen, mussten wir auf der Straße halten, denn die Einfahrt war vollgestellt mit Wagen, auf denen so was stand wie „Biggis Haarmobil“ oder „The Fab Five – Livemusik“. Beim Öffnen der Autotür drang lautes Wiehern aus dem Stall, im Hintergrund dudelte ein eingängiger Refrain, der einem bekannt vorkam.
„Das ist „Do you really want to hurt me?“, hat die Luna behauptet.
„Gut, dass ihr da seid“, wurde sie vom Jack abgewürgt. „Boah, die Weiber sind irre geworden.“
Er sprang in die Limo, der Lütte Emil hinterher. Er hielt seine Löffel eingeklappt wie eine Mais-Tortilla, vermutlich um den Lärm abzuschirmen.
„Tach“, hat er uns begrüßt. „Fahrt los! Schnell! Bitte!“

Bis wir bei Karlsson und Polly vorfuhren, hatten sich die beiden wieder beruhigt. Nicht zuletzt Coras Baldriantropfen aus der Handtasche, vermischt mit einem Mangosaft aus dem Barfach, tat das Übrige. Und als dann ihre Tante Polly dazustieg, war die Welt ohnehin wieder in Ordnung. Polly lag in der Mitte auf dem weißen Leder und links und rechts neben ihr der Emil und der Micky Bonaparte an sie angekuschelt. Einen kleinen bescheidenen Rucksack hatte der Fahrer in den Kofferraum getan. Darin waren die gekühlten Leberwursttabletten verstaut, die die Polly benötigt, allerdings wegen der Kürze des Ausflugs diesmal nur ganz wenige. Der Karlsson grinste dauerblöd vor sich hin. Er freute sich auf die Jacqueline. In die ist er verschossen, auch wenn er es nicht zugeben will. Erst kommt die Chantalle aus Paris, mit der er damals gemeinsam gesoffen hatte, bis wir ihn aus dem Rinnstein klauben mussten, und gleich darauf folgt die Lady aus Detroit. So gestaltet sich seine Favoritenliste. Geschmack hat er ja. Mit billigen Bekanntschaften hockt der sich nicht an eine Bar.

Es war gute Mittagszeit, als wir am Hotel in SPO ankamen. Ich atmete tief durch. Es war mir ein Bedürfnis, das Gesicht in die nicht vorhandene Sonne zu halten. Brummende Laute bahnten sich ihren Weg tief aus meiner innersten Seele. Ich war selbst erschrocken über die Intensität. 
„Hast du Blähungen?“, hat mich die Luna angestoßen.
„Quatsch! Ich mache eine atmosphärische Reinigung. Der Ort, UNSER Ort muss gesäubert werden. Die Putze war hier mit Tante Susanne. Alles ist verseucht.“
„Ach du liebe Güte!“, hat die Cora den Kopf geschüttelt. „Die waren doch am Hundestrand, nicht hier.“
Egal, schlechtes Karma wabert überall hin, ganz SPO war davon betroffen. 

Wir folgten dem Diener in den Aufzug. Zwei unserer Suiten lagen nebeneinander, die dritte im Gang um die Ecke. Als die Nachbarsuite aufgeschlossen wurde, konnte ich sehen, wie die Fendy hineinflog und sich mit Schmackes aufs Sofakissen plumpsen ließ.
„Juchhu!“, quiekte sie.
Ich warf dem armen Erik, der in dieser Gesellschaft ebenfalls seine Nacht würde verbringen müssen, einen mitleidvollen Blick zu. Der Mörßel als zweiter Mann im Quintett hatte sich seine Lage selbst zuzuschreiben; für ihn reichte mein Mitleid nicht aus. Die Hoppels und die Cora schoben ihre Rucksäcke ins Wohnzimmer. Dann knallte die Tür zu und ich stand mit dem Karlsson, dem Jack, dem Paule und dem Luke allein im Wohnzimmer unserer Suite. Doch ja, sehr ansprechend gestaltete sich alles, gemütlich gehalten und modern zugleich. Das grau gekachelte Bad war riesig. An den Haken hingen Bademäntel, und dicke Pullen voller Badeschaum & Co standen am Waschbeckenrand. Ein geräumiger Balkon nahm die ganze Länge der beiden großen Wohnzimmerfenster ein. Ich ging hinaus und setzte mich aufs Geländer. Man konnte den Deich sehen und dahinter ziemlich viel Beige, was ja wohl den Sandstrand darstellten sollte. Neben mir jenseits der blickdichten Absperrung zum Nachbarbalkon begann es plötzlich zu quietschen und zu scharren. Ich beuge mich vor und guckte um die Ecke. Der Erik war dabei, einen der Gartenstühle, die dort standen, ans Geländer zu rücken, damit er darüber hinwegschauen könnte.
„Frische Luft“, hat er geseufzt, als er mich bemerkte. „Mir war schon im Auto ganz schlecht von dem vielen Parfüm.“
Armer Kerl. Ich hab's ja immer gesagt: Die Fendy kriegt jede noch so zähe Wüstenpflanze tot.
„Kommst du mit an den Strand?“, habe ich zur Aufmunterung gefragt.  
„Klar, ich bin gleich da.“

Vom Karlsson wusste ich, dass sich die Jessica erst zum Abendessen blicken lassen würde. Daher hatten wir noch ein paar Stunden Zeit, um zum Wasser zu gehen. Was wäre SPO ohne einen Strandbesuch? Wir machten uns gleich auf den Weg. Alles strömte aus den Türen. Nur der Paule und der Micky Bonaparte fehlten. Wir fanden sie unten im großen Restaurant. Sie hätten sich schon mal informieren wollen, was es hier alles so gebe, meinten sie. 

Paule und Micky Bonaparte bei der Qualitätskontrolle



Konnte es endlich losgehen? Das Procedere habe ich ja schon beschrieben: erst die Treppe zum Deich hoch, dann auf der andern Seite wieder runter, durch die Dünen hindurch, bis der Boden unter einem wieder fester wurde und man wieder besser laufen konnte. Ich durfte beim Karlsson im Nacken mitreisen. Für die Fendy war diesmal selbstverständlich der Mörßel zuständig. Sie hing ihm am Rücken, die Flügel fest um seinen dünnen Hals geschlungen, und beide sahen aus wie eines dieser komischen Phantasietiere, nach denen diese schaukelnden Apparate für Kleinkinder vor den Drogeriemärkten gestaltet sind. Der Eindruck wurde verstärkt von dem gelbschwarz geringelten Pullover, den der Mörßel trug. 
„Nee, der ist nicht aus meiner Push-Kollektion“, hat der Erik klargestellt.
Zu gern hätte ich ein Fotos davon gemacht, damit man auf Instagram auch mal einen Hauch von der schnöden Wirklichkeit mitbekommt, aber wenn ich das gewagt hätte, wäre ich jetzt wohnungslos.


Lange mussten wir laufen, bis wir überhaupt das Wasser zu Gesicht bekamen. Es hatte sich heute sehr weit zurückgezogen. Der Himmel war bedeckt und es wehte ein leichter Wind. Was war anderes zu erwarten am letzten Tag im Dezember? Menschen gingen spazieren, aber nicht sehr viele. Als wir an eine Gruppe Jugendlicher kamen, die weiter hinten am Wasser Drachen steigen ließen, hielten wir an. Ich wurde aus Karlssons Fell geschüttelt. Nun gut, machten wir eben eine kleine Rast. Zu meiner Überraschung holte der Mörßel eine Thermosflasche hervor und rammte sie vor sich in den Sand. Darin war dampfender Tee, wie sich bald herausstellte. Die Polly spielte mit dem Micky und dem Emil Fangen. Die Cora machte ein paar Fotos. 

 Mörßel, Cora, Fendy: Grün sah man sonst nicht oft am Strand

 

Jack, Luna und ich: Blau war auch nicht oft dabei
 

Wir beobachteten, wie die Drachen am Himmel schaukelten. Ein bisschen frisch an die Federn wurde es allmählich schon, musste ich mir eingestehen. Einen Pullover mitzunehmen, wäre also gar nicht so dumm gewesen, denn bekanntlich habe ich nicht so ein wärmendes Fell wie etwa die Luna oder der Karlsson. Aber offenbar war ich nicht der Einzige, der fror. Gerade hatte ich den Paule gefragt, wie es seiner Freundin, der Wassersau, gehe. Wie hieß sie noch mal gleich? Erika-Eugenie oder so ähnlich? Da bemerkte der Jack, dass zwei von uns fehlten, nämlich der Erik und der Lütte Emil. Keiner hatte sie weggehen sehen. Alle glotzen ja auf die Drachen oder hielten die Augen geschlossen und dösten vor sich hin. Nur der Lütte Bonaparte wusste Auskunft zu geben. Sie seien zurück zum Hotel gelaufen, sich aufzuwärmen, sagte er. Das rief die Cora auf den Plan. Na, dann fliege sie mal schnell hinterher und schaue nach, ob es ihnen gut gehe. Schon war sie davongeflattert.

Nicht viel später kam sie zurück über die Düne geklettert – nun mit einem Schal um den Hals und einem Cocktail in der Kralle. Das war jetzt nicht wahr, oder? Mir gefror allein beim Anblick das Blut in den Adern und das will was heißen, wenn ich als Cocktail-Fachmann das sage. Auch die andern gafften nur stumm vor Entsetzen.
„Was ist? Schmeckt echt lecker. Will mal jemand probieren?“
Geräuschvoll zog sie am Strohhalm. Ich hätte nie gedacht, dass ihre Alkohol-Resistenz schon so weit gediehen war. Sich hier in der Kälte allen Ernstes was Kaltes einzuschütten, das musste man erst mal hinkriegen. Neben mir drückte sich die Polly tiefer in den Sand. 

Cora: furchtlos


Und was war nun mit dem Erik und dem Emil? Ach ja, das hätte sie fast vergessen. Es gehe ihnen prima. Sie säßen in der Hotelbar. Erst hätten sie sich mit einem heißen Kakao aufgewärmt, aber nachdem sie, die Cora, ihnen geraten habe, sich schon mal mit einem leichten alkoholischen Getränk auf den großen Abend vorzubereiten, damit es sie später beim Anstoßen um Mitternacht nicht vom Hocker fege, seien sie tatsächlich mit diesem Anliegen an den Barkeeper herangetreten, der ihnen dann was Leichtes und Süffiges zubereitet habe. 

Emil und Erik: Weicheier


Schon besser



Aha, mit andern Worten: Wir froren uns hier am Strand den Arsch ab und die beiden Herrschaften süffelten unterdessen an der warmen Bar schicke Cocktails.
„Ich glaube, wir sollten jetzt auch gehen“, habe ich vorgeschlagen. „Wir müssen uns ja noch umziehen.“
Alles erhob sich. Da meldete sich die Luna zu Wort:
„Moment noch! Einen kleinen Augenblick. Ich bin gleich wieder da. Ich habe eine Überraschung für euch.“
Schon war sie über die Düne weggehoppelt. Wir schauten uns ratlos an. Eine Überraschung? Hier am winterlichen Strand in SPO kurz vor der Dämmerung? Na, was das wohl werden sollte?

Irgendwann hörten wir von Ferne ein knatterndes Geräusch, das immer lauter wurde. An der Wasserseite wurde ein Lichtkegel sichtbar. Das komische Ding kam näher und näher und näher und bog tatsächlich in unsere Richtung ab. Nee, nicht? Das durfte doch wohl nicht wahr sein. Es war Lunas Motorrad und oben drauf saß sie selbst. 
„Wo kommt das denn her?“, hat der Luke sichtlich irritiert gefragt.
„Da staunt ihr, was?“, kam als Antwort. „Hatte ich hierher liefern lassen, schon vor Tagen. Damals hatten der Karlsson und ich doch so viel Spaß hier auf der Rennstrecke, und da dachte ich, wiederholen wir das Ganze einfach. Wer will mitfahren?“
„Wir haben gar keine Zeit mehr, wir müssen uns fertig machen, die Kosmetikerin kommt doch gleich ins Hotel“, hat die Fendy eingewendet.
„Ach was, es bleibt noch genug für ein paar Runden“, hat die Luna behauptet.
Am Ende ist sie dann nur mit dem Karlsson im Beiwagen abgedampft, weil keiner Lust hatte, sich bei der ohnehin ungemütlichen Kälte zusätzlich den Fahrtwind um die Ohren blasen zu lassen. Keiner von uns (außer der Cora und dem Mörßel) war ja auch winterlich gekleidet. Vielleicht hätte allenfalls der Lütte Bonaparte Interesse gehabt, doch da er sich gleichzeitig ritterlich berufen fühlte, seine Tante Polly sicher heimzubegleiten, blieb der Karlsson der einzige Fahrgast. 

Echte Biker lächeln nicht bei der Arbeit



Wir machten uns auf den Heimweg. Vom Deich aus konnten wir sehen, wie das Motorrad nun in die entgegengesetzte Richtung den Strand entlangbrauste. Eigentlich war es nur ein kleines Licht, das sich bewegte. Das mussten sie aber sein, denn was anderes mit einem Scheinwerfer hatten wir unterwegs nicht beobachtet, das alternativ in Frage käme. Man konnte direkt meinen, das Aufheulen des Motors und das Juchzen vom Karlsson zu hören. 
„Hoffentlich erkälten sie sich nicht“, hat die Cora ihrer Sorge Ausdruck gegeben.
„Ich kann Erste Hilfe“, wusste der Jack zu beruhigen. „Wenn sie gegen ein Schild fahren, bringe ich sie in die stabile Seitenlage.“
Na, zusammen mit Coras Magentropfen aus der Handtasche waren wir ja jetzt für alles gerüstet. Mich trieb eher eine andere Befürchtung: Hatten wir die beiden nicht beim letzten Mal vom Polizeirevier abholen müssen, weil sie dort am Strand gefahren waren, wo sie nicht hätten fahren dürfen? Ach, egal, ich hatte keine Lust mehr, darüber nachzudenken. Ich wollte ins Warme. Vor dem Fahrstuhl trafen wir den Emil und den Erik wieder. Sie kicherten albern. 

Ich weiß nicht, ob es schon jemand angesprochen hatte: Der Dresscode für die Silvesterfeier lautete auf Abendgarderobe oder eine originelle Verkleidung. Intern hatten wir uns für Smoking bzw. Abendkleid entschieden, denn der Ort war etwas Besonderes und daher sollte auch unsere Kleidung dieses Besondere repräsentierten. In dem Online-Shop, wo auch Nessie und Winnie Puh ihre Schlafanzüge herkriegen und wo auch wir schon gute Ware bekommen hatten, als wir uns damals zur Reise zum Mont Everest ausrüsten mussten, haben wir Smokings bestellt. Nicht zum Kaufen, sondern zum Ausleihen. Die Auswahl dort ist riesengroß. Man muss sich nur daheim vermessen lassen (zum Beispiel vom Luke, wenn man Micky Bonaparte heißt), die Werte dann eingeben und der Versand sucht einem das Passende heraus, egal ob man auf zwei, vier oder acht Beinen läuft. In der Hotelhalle hatte ich schon den Ständer mit den Anzügen unter den Schutzhüllen stehen sehen, jetzt lagen die Smokings anziehbereit auf dem Bett verteilt. Unsere Männer-Suite diente der Einfachheit halber als Garderobe für jeden von uns Jungs, während sich in der Mary-Poppins-Suite alle Mädels trafen, um sich gemeinsam umzuziehen. Ihnen hatte der Luke eine eigene Stylistin spendiert, die gekommen war, um Fell zu glätten, Make up aufzutragen und beim Anlegen der Gewänder zu helfen. Nur der Karlsson fehlte noch – und die Luna. Allmählich wurde es Zeit. Was wohl die Jill von uns denken würde, wenn wir zu spät oder unvollzählig zum Abendessen erschienen?

Gerade als der Lütte Emil dabei war, dem Mörßel zu helfen, ihn trocken zu föhnen (die Ente musste natürlich ausgerechnet jetzt noch mal duschen), schwang die Tür auf und der Karlsson kam hereingestürmt. Ihm standen die Locken flauschig ab und seine Augen leuchteten.
„Komm ich zu spät? Nee, nicht? Mann, war das eine Fahrt! Die Luna ist eine Teufelsfrau. Fährt, als ob es kein Morgen gäbe. Ihr wisst ja gar nicht, was ihr verpasst habt.“
Gut, damit waren wir also wieder komplett. Niemand war verletzt, niemand wurde vermisst und auch keine wie immer gearteten Bußgelder warteten auf uns. Wir halfen dem zappelnden Adrenalinbolzen in den Anzug. Nun noch den Hut aufgesetzt, sofern er zum Outfit gehörte – voilà, wir waren fertig. 

Die Luna noch schnell ins Kleid zu stopfen, benötigte etwas länger. Wir standen so lange im Gang herum. Wenn wir nicht Silvester in einem teuren Hotel gewesen wären, hätte man denken können, dass wir uns zu einem Opernball aufgestellt hätten oder zu einer Beerdigung. Die Leute jedenfalls, die an uns vorübergingen, schauten amüsiert auf uns herab. Manche grüßten auch ehrfurchtsvoll. Ich wette, ihre Dackel und Meerschweinchen zu Hause lagen jetzt nackt und faul auf dem Sofa oder im Stroh herum und bekämen nie den kulturellen Wert unserer Erlebnisse geboten. Es ist ein Jammer, dass wir in der Tierwelt noch immer die absolute Ausnahme sind. 



Na, sahen wir nicht absolut grandios aus? Die Smokings passten wie angegossen, waren allerdings etwas steif am Hals. Deswegen hatte ich mich für eine luftigere Alternative entschieden. Die Sonnenbrille ist von Flucci. Dass der Mörßel als Einziger die Karnevalsverkleidung gewählt hatte, war mal wieder typisch: immer gegen den Strom schwimmen. Aber immerhin hatte er auf die Matrosenmütze verzichtet. Das wäre ja auch gar nicht gegangen, wenn er mit dem Deckel auf der Platte im Restaurant erschienen wäre. Der Erik hat seinen Zylinder und der Micky seine Melone selbstverständlich an der Garderobe abgegeben, bevor sie eintraten, so wie es sich gehört.

Dann endlich ging die Tür der Mädchen-Garderobe auf. Eine Polonaise aus opulenten Ballkleidern kam den Gang entlangeraschelt. Man hatte sich abgesprochen. Das Thema lautete „Historische Tracht“. Jo, in der Tat, die Cora sah aus wie eine Mischung aus Kriemhild und Maria Theresia.



Gern hätte ich mich höflich erkundigt, ob es schwer für die Stylistin gewesen war, der Cora und der Fendy diesen ausladenden Vorb..., äh, ich meine, dieses opulente Dekolletee anzubringen, aber ich habe mich nicht getraut. Schön war auch, dass man die Polly von ihrem ursprünglichen Plan, als Krankenschwester verkleidet zu gehen, abgebracht hatte. Galgenhumor hin oder her, in ihrem Kleinen Schwarzen und dem eleganten Schmuck sah sie aus wie eine Gräfin. Nur ein bisschen mehr lächeln hätte sie ruhig können. Aber vielleicht scheuerte nur die Spitze am Hals.

„Du siehst umwerfend aus“, hat der Erik seine Liebste empfangen. 
„Ihr seht ALLE umwerfend aus“, hat er noch rechtzeitig die Kurve gekriegt. 
Dem war nichts hinzuzufügen. Wir quetschten uns in den Fahrstuhl. Vor zu viel Parfüm hatte uns wohl die Stylistin bewahrt. Ihr gebührt ewiger Dank. 

Ins Restaurant gingen wir aber noch nicht, weil wir noch auf unsere Gastgeberin warten mussten. Um Punkt 19.00 Uhr kam sie die Treppe zur Lobby herunter. Sie trug ein funkelndes Abendkleid und hatte einen hellen, seidigen Umhang umgelegt, der bis zum Boden reichte und ihr sowohl was Elegantes als auch was Verwegenes verlieh. Sie ging nicht, sie schritt, den Kopf kerzengerade, die Augen starr auf ihr Publikum gerichtet. Ich wette, die Fendy war neidisch, dass ihr nicht selbst eingefallen war, wie man einen perfekten Auftritt hinlegt. Dem Karlsson klappte der Unterkiefer runter. Bestimmt dachte er jetzt an die seidigsten Cocker-Spaniel-Ohren, die es je gegeben hat. Erst ein diskreter Puff in die Seite holte ihn wieder ins Leben zurück.
„Du musst hingehen und sie begrüßen“, hat der Luke ihm zugeflüstert.
„Und mach den Mund zu“, hat der Paule hinzugefügt. 
Mechanisch wie mit dem Schlüssel aufgezogen setzte sich der Karlsson in Bewegung. Am Fuß der Treppe knallte er die Hacken zusammen, nickte der June eine Art Verbeugung zu und fiel ihr dann um den Hals:
„Liebste Freundin, dass du da bist! Dass du unsere bescheidene Existenz mit deiner Anwesenheit ehrst! Ich kann es noch gar nicht glauben! Du bist hier!“
Boah, ich dachte, gleich rutscht die Lady auf dem Schleim aus und knallt uns hier in der Lobby lang hin. Um ihr das zu ersparen, habe ich mich rasch vorgedrängelt und „Tach“ gesagt. Damit war das Eis gebrochen. Die Julia lächelte freundlich. Ich kriegte einen Begrüßungskuss auf die Wange gedrückt. Danach waren die andern dran. Nur den Mörßel, den Erik, den Paule und den Jack kannte sie noch nicht. Diese Herrschaften bekamen einen warmen Pfotendruck. Den Schluss machte der Karlsson. Tja, er war halt nicht schnell genug gewesen und ist nach hinten durchgereicht worden. Aber so schlimm war es auch wieder nicht. Weil sich alle andern nach der Begrüßung bereits ins Restaurant verkrümelt hatten, blieb nur noch der Karlsson übrig, um die Jolante an den Tisch zu begleiten. Er genoss es sichtlich.



Muss ich viel Worte über das Büfett verlieren? Wir waren in einem erstklassigen Hotel und genauso war die Verpflegung. Man war geradezu überwältigt von dem Angebot, und das Ambiente aus den weißen Tischdecken und dem goldenen Licht von den üppigen Kronleuchtern verlieh dem Ganzen etwas Märchenhaftes. Der Emil war entzückt, dass es zum Nachtisch Schweinsohren gab.

An meinen Tisch entwickelte sich bald eine lebhafte Diskussion. Ausgangspunkt war die noch immer ungeklärte Frage, in welche berufliche Richtung sich der Lütte Bonaparte entwickeln sollte. Ich weiß nicht mehr, wer es angestoßen hatte, jedenfalls meinte der Paule, dass der Micky so bombastisch gut in seinem Smoking mit der Melone aussehe (die er jetzt natürlich nicht mehr aufhatte), dass er mal über eine Karriere als englischer Lord nachdenken sollte. Deren Tagesablauf reduziere sich im Wesentlichen auf den vormittäglichen Besuch ihres Klubs, wo man Zeitung lese, und allenfalls gehe man gelegentlich noch ins Oberhaus, um Politik zu machen. Hier meldete sich die Luna zu Wort. In aller Höflichkeit möge man ihr einen kleinen Einwand gestatten: Das sei ein veraltetes Berufsbild. Inzwischen habe sich einiges geändert. Heutzutage werde man, wenn man Pech habe, selbst als Premium-Adeliger nicht mehr davor verschont, intime Bücher zu schreiben oder peinliche Interviews zu geben, um seine Finanzen flüssig zu halten. Wie wäre es stattdessen mit Bestatter? Dort müsse man ebenfalls seriös gekleidet auftreten. Und er als Border Collie sei mit seiner natürlichen schwarzweißen Färbung geradezu prädestiniert für diese Aufgabe. Bei diesem Stichwort drehte sich der Luke vom Nachbartisch zu uns um. Das sei eine gute Idee, fand er. Finanziell sei es durchaus drin, und je mehr er darüber nachdenke, desto klarer habe er das Szenario vor Augen: erst plattmachen und dann den Nachkommen Hilfe anbieten. Warum sei man nicht schon früher darauf gekommen?

Bis hierhin hatte der Lütte Bonaparte aufmerksam zugehört, während er sein Grillfleisch vom Stäbchen schob. Jetzt aber zierte eine tiefe Zornesfalte seine Stirn. Laut und deutlich gab er zu Kenntnis:
„Nee! Auf gar keinen Fall! Da mache ich nicht mit! Ich will keine Kakerlakenwitwen an meiner Brust haben, die mir alles vollheulen. Ich will einen Beruf, der mich ausfüllt. Ich sag euch Bescheid, wenn ich mich entschieden habe.“ Damit war der Platz augenblicklich frei für ein anderes Unterhaltungsthema. Hinten am Büfett konnte man den Karlsson erkennen, wie er der Joan Serviervorschläge unterbreitete. Er zeigte mal auf eine Schüssel, mal auf eine Platte, und wenn sie nickte, beugte er sich vor und löffelte ihr das Gewünschte auf den Teller. In seinem schwarzen Outfit hätte er glatt als Oberkellner durchgehen können, zumindest von hinten. 

Nach dem Essen sind wir in die kleine Bar unterm Dach gegangen. Dort hatte man eine geräumige Dachterrasse zum Luftschnappen und einen hinreißenden Blick auf die Dunkelheit. Ja, wirklich, der Deich, die Dünen und das Meer waren unbeleuchtet, eine riesige schwarze Wand. Mir war es ganz recht, dass man um Mitternacht auf Feuerwerk und Geknalle verzichten würde. Wir hatten schließlich ein paar Hunde dabei und von denen weiß man ja, dass sie diesbezüglich sehr schissig reagieren können. Ich setzte mich neben den Jack an den Tresen. Sein gestärktes Hemd erstrahlte noch immer in makellosem Weiß. Er hatte also nicht gekleckert beim Essen. Vom Barkeeper ließ ich mir einen Cocktail mischen, ohne mir den Namen nennen zu lassen. Als Experte machte ich mir einen Spaß daraus, die Zutaten zu erschmecken. Beim ersten lag ich um etwa 30 % daneben, beim zweiten nur noch um 20 % und beim dritten hat mich der Erik gefragt, ob ich wüsste, wo die Cora abgeblieben sei, sie habe seine Visitenkarten in der Handtasche und die brauche er dringend für einen potentiellen Geschäftskunden. 

Ja, die Cora war unten in der GROSSEN Bar zusammen mit der Fendy, dem Mörßel und dem Karlsson mit der Johanna. Dort war die Theke länger und das Sortiment an Flaschen reichhaltiger, gerade richtig für versierte Säufer, zu denen sich die Cora zweifellos rechnen darf. Ich rief dem Erik noch nach, dass wir andern auch bald nachkämen, denn um zehn Uhr würde ja das Showprogramm beginnen. 

Man hatte keine Kosten gescheut und internationale Künstler herangekarrt, um uns Gästen das Warten auf den Jahreswechsel zu versüßen. Der Saal hatte sich schnell gefüllt. Am Rand war eine Art Bühne aufgebaut. Ich saß zwischen dem Luke und der Polly. Erst zeigte ein Italiener Zaubertricks. Das war sehr anregend, besonders weil ich die ganze Zeit daran denken musste, dass gleich die Luna oder der Erik auf die Bühne gebeten würden und dann im Hut verschwänden und als Albinos an den Ohren wieder herausgezogen würden. Zumindest die Luna hätte sich das bestimmt vehement verbeten. Stattdessen wurde aber nur die Assistentin zersägt. So was kannte man aus dem Fernsehen.

Danach war eine Skiffle-Band dran, die ordentlich Stimmung in die Bude brachte. Alles schunkelte und klatschte mit. Pollys Ohrringe wippten im Takt. Darauf folgte wieder ein ruhigerer Part mit einem Bauchredner. Seine Puppe war eine Qualle namens Heidi, passend zum maritimen Ambiente. Leider sprach die Qualle mit polnischem Akzent. Dadurch war sie manchmal schwer zu verstehen. Gut, dass wir den Emil dabei hatten, denn der kriegte alles mit. Zu uns vorgebeugt übersetzte er fast simultan, was uns allerdings von allen Seiten mehrere „Pssts“ einbrachte. Beim folgenden Oldie-Part mit all den Gassenhauern aus dem 60er Jahren war das dann wieder egal. Manche waren da schon so enthemmt (zum Beispiel der Paule und die Fendy), dass sie zu „Downtown“ und „Puppet on the string“ lauthals mitgrölten (sofern man das Gepiepse von der Fendy so nennen kann). Zum Schluss trat noch eine Komikerin auf. Die fand ich aber nicht so lustig, weil sie Witze über Männer machte und das gehört sich nicht, wenn man kurz davor steht, ein neues Jahr zu begrüßen. Aus dem allgemeinen Gelächter konnte man deurtlich die Luna heraushören, die Polly auch und die Cora und die Fendy ebenso.

Nach der Showeinlage wurde das Licht wieder angemacht und leichte Swingmusik kam jetzt aus den Lautsprechern. Die Kellner liefen umher und verteilten schon mal die Sektgläser. Er würde nicht mehr lange dauern bis zum Anstoßen. Lange hatte ich den Karlsson und unsere Gastgeberin nicht mehr gesehen. Bestimmt hatten sie sich auf die Dachterrasse zurückgezogen, um gemeinsam in die romantische Schwärze zu glotzen. Ich nutzte die Wartezeit, um beim Paule endlich meine Frage loszuwerden, auf deren Beantwortung ich seit heute Nachmittag am Strand bereits wartete. 
„Ach, die Helga-Sherezade?“, hat der Paule fröhlich gerufen. „Mit der bin ich nicht mehr zusammen. Meine Liebste heißt Melanie.“
Warum hatte ich auch gefragt? Es waren ja schon sechs Wochen her, seit die beiden gemeinsam aufgetreten sind. Für manche ist das ein Vierteljahrhundert. 

Kurz bevor heruntergezählt wurde, standen der Karlsson und die Jodie plötzlich wieder bei uns. Bildete ich es mir ein, oder dampfte eine gewisse Kälte von ihnen ab? Alle hatten sich erhoben. Dann hieß es „Drei … zwei … juhuuuu!“ Beifall brach aus. Aus der Anlage kam ein Tusch. Wir hoben die Gläser und prosteten uns zu. 
„Mmmmh, süffig, dieser Schampus“, hat sich der Micky Bonaparte gefreut und gleich das ganze Glas runtergeschüttet. 
Es dauerte eine Weile, bis wir uns alle gegenseitig persönlich alles Gute zum neuen Jahr gewünscht hatten.

 Luke und Fendy: stellvertretend für uns alle

 

Danach verlief sich alles wieder. Das Haus war ja groß genug. Ab und zu begegnete man dem einen oder andern. In den Tanzsaal wollte ich nicht, denn dort schob der Karlsson die Juliane beim Tango übers Parkett. Ich saß mit dem Emil zusammen in der Dachbar am Tresen. Mit mir gemeinsam das Cocktailratespiel spielen wollte er aber nicht, also musste ich es allein tun. Er trank unterdessen Cola. Eins interessierte mich brennend, da wir gerade ungestört beisammen saßen: Hatte es schon eine Entscheidung hinsichtlich seiner Karriere im Geheimdienst gegeben? 
„Kein Kommentar“, antwortete er und schob sich eine Pfote Erdnüsse in den Mund.
Seitdem rätsel ich, ob dies nein bedeutet oder eine raffinierte Umschreibung zur Wahrung von Dienstgeheimnissen darstellt. Vielleicht trank er deswegen so wenig, weil er fit und auf der Hut bleiben musste. 

Später, als meine Trefferquote beim Ingredienzienraten bei bemerkenswerten 5 % angelangt war, kam der Mörßel mit dem Luke im Schlepptau an unserem Barhocker vorbeigewatschelt. Sie wollten zur Dachterrasse, vermutlich um sich den Kopf freipusten zu lassen. Hahaha, das sah ich ja jetzt erst: Der Mörßel sah aus wie Donald Duck mit seinem Matrosenanzug und dem wackelnden Bürzel. 
„Was erheitert dich denn so?“, wurde ich gefragt.
Aber ich bin doch nicht blöd und mach mir das Leben schwer, solange ich die Voliere weiterhin mit der Fendy teilen muss. 

Wann ich ins Bett kam, weiß ich nicht mehr. Ich erinnere mich nur daran, dass ich aufwachte, weil mir etwas den Hals zuwürgte. Es war der Mörßel, der auf meinem Schlips lag, während ich mich im Schlaf umzudrehen versucht hatte. Schon wieder dieser Kerl! Verfolgte er mich? Und was machte er überhaupt in unserer Männer-Suite? Zu viel gepichelt, was? Und dann die Orientierung verloren. Ja, Mensch, die Luna hatte sich ja auch zu uns verirrt. Und der Erik. Und die Cora. Und die Fendy. 
„Wackel hier nicht so rum!“, wurde ich angeschnauzt.
Es dauerte eine Weile, bis ich den Schlips unter dem Teichheini hervorgezogen hatte. Er grunzte ungeduldig. Das nächste Mal, als ich die Augen öffnete, war es noch dunkler um mich herum als vorher. Es dauerte einen Moment, bis mir klar wurde, dass ich unter Lunas braunem Abendkleid lag. Als ich mich befreit hatte, schien mir der helle Tag ins Gesicht. Im Bad hörte man die Dusche laufen. Das Hotelpersonal hatte mitgedacht und Wasserflaschen, Gläser und Sprudeltabletten auf die Nachtschränke gestellt. Sie sahen benutzt aus. Sonst habe ich niemanden gesehen. Ich machte, dass ich weg kam. In der Männer-Suite traf ich auch niemanden an. Ach so, dann waren wohl alle bereits zum Frühstück gegangen. Tatsächlich traf ich im Restaurant am Frühstücksbüfett auf die Polly, den Micky Bonaparte und die Cora.
„Na, wieder nüchtern?“, hat mich die Cora blöde angegrinst.
Die andern saßen am Tisch und schnitten Brötchen auf oder stießen später dazu. Immerhin, keiner hatte schlappgemacht, alle waren noch da, abgesehen von Ringen unter den Augen so groß wie Kompottschälchen und vereinzelten Klagen über Kopfbrummen. Unsere Gastgeberin ließ sich nicht mehr blicken, aber das wunderte niemanden. Wahrscheinlich macht man das als Society-Lady so, sich rar zu halten nach dem großen Auftritt. Wir hatten uns in der Nacht schon von ihr verabschiedet, jedenfalls manche von uns. Ich persönlich konnte mich nicht mehr daran erinnern. Der Karlsson sah müde aus, aber glücklich. 

Nach dem Frühstück gingen wir noch mal alle zusammen an den Strand, diesmal aber ohne Motorrad, denn das stand in der Hotelgarage und wartete auf den Heimtransport. Es blieb noch ein bisschen Zeit, bis uns die Limo und die Bahn in umgekehrter Reihenfolge zurück nach Hause brächten. Die Smokings und die Abendkleider würde das Hotel zurückschicken. Es war schön, die Nase in den frischen Wind zu halten. So wie man in Hamburg auf den Fischmarkt geht nach einer durchfeierten Nacht, so marschierten wir durch die Dünen, bis wir das Wasser erreichten und auf den Horizont blickten. Das neue Jahr hätten wir nicht würdiger begrüßen können hier an diesem wundervollen Ort und das neue Jahr auch nicht uns. Möge es uns Frieden bringen und Freude und Zuversicht. Die Cora machte noch ein paar Fotos – von Freundschaft:


... und von Liebe:


 

           Originale der KI-generierten Fotos:  Cora und Paule: G.H.
                                                                     Micky, Luke, Emil, Jack: Club der glücklichen Vierbeiner
                                                                     Karlsson und Polly: Terrierhausen
                                                                     Erik und Luna: K. R. 
 
© Boff 
 

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